Richard Wagner

Overtures & Preludes

hr Sinfonieorchester, Ltg. Andrés Orozco-Estrada

Rubrik: CDs
Verlag/Label: RCA Red Seal/Sony Music
erschienen in: das Orchester 01/2020 , Seite 72

Gibt man bei den einschlägigen Webshops die Stichworte „Wagner“ und „Ouvertüren, Vorspiele“ ein, erhält man etwa 300 Ergebnisse. Und selbst, wenn man sämtliche Gesamtaufnahmen der Musikdramen ausmustert, bleiben immer noch genügend CDs, um sich zu fragen: Wer kann auf die Idee kommen, diesem Haufen ohne Not noch eine hinzuzufügen?
Andrés Orozco-Estrada kann. Mit dem hr-Sinfonieorchester, das der kolumbianische Dirigent seit 2014 leitet, sind da die Ouvertüren bzw. Vorspiele zum Holländer, Lohengrin, Tristan, Parsifal und Tannhäuser zu hören, dazu „Isoldes Liebestod“; alle in Liveaufnahmen aus dem Kloster Eberbach in den Jahren 2014 bis 2017. Und das immerhin spricht sehr für die Aufnahme: die große Akustik, die Raumklang bietet, ohne doch zu hallig zu sein und sich damit wohltuend von einigen älteren Einspielungen abhebt, die in allzu trockenen Sälen oder gar Studios eingefangen wurden.
Was ebenfalls für diese CD spricht, sind die eher flotten, melodienreichen Stücke und Passagen. Hier scheint der Dirigent in seinem Element, und beispielsweise seine schwungvoll-beherzte Herangehensweise an die Tannhäuser-Ouvertüre oder die basslastig-blechbetonten, schnelleren Teile des Parsifal-Vorspiels zeigt wunderbare Spannungslinien, drängt nach vorne ohne zu treiben, bindet den Hörer damit emotional in das Geschehen ein und begeistert in ihrer hemmungslosen Freude am Dramatischen. Was weniger gut funktoniert, sind getragene Werke und Passagen. Da fallen die Linien doch ein wenig auseinander, das Orchester kann die jeweilige dynamische Entwicklung oft nicht so lange durchhalten, bis eine Passage wirklich an ihrem Höhepunkt angekommen ist. Und erstaunlicherweise sind es gerade auch die getrageneren Stücke und Abschnitte der eingespielten Werke, in denen die Musiker dann gelegentlich nicht gut zusammenspielen.
Dennoch: Insgesamt ist das Orchester ausgezeichnet. Besonders fällt die für ein Ensemble dieser Grö­ße ganz hervorragende Intonation auf; auch die Balance zwischen den einzelnen Stimmgruppen ist perfekt, der Gesamtklang rund und strahlend, mit im Ton relativ weichen, aber präzisen Streichern, knackigen Holzbläsern, saftigem, aber niemals sinnlos auftrumpfenden Blech.
Das Booklet dagegen ist eher frugal: keine Biografie des Dirigenten, keine Information über das Orchester, kein Wort dazu, warum man gerade dieses Repertoire, diesen Aufnahmeort gewählt hat.
Fazit: Eine insgesamt durchaus hörenswerte Aufnahme, vor allem für Wagner-Fans, die sich bei manchen der vorhandenen Einspielungen an der mangelnden Intonationssicherheit der Orchester stören. Wer da also hohe Ansprüche stellt, kann hier durchaus zugreifen, und wer bisher noch gar keine Wagner-Vorspiele im Regal stehen hat, ist durchaus ebenfalls gut bedient. Aber um den im Schnitt vermutlich etwa acht bis zehn Einspielungen dieses Repertoires, die der eingeschworene Wagnerianer bereits hegen und pflegen dürfte, noch eine hinzuzufügen – dafür ist sie dann doch nicht besonders genug.
Andrea Braun