Hérold, Ferdinand

Overtures and Symphonies

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Dynamic Delizie Musicali DM8028
erschienen in: das Orchester 11/2012 , Seite 83

Diese Interpretationen mit Werken des Pariser Komponisten Fer-
dinand Hérold (1791-1833) spiegeln die reiche europäische Musikkultur zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Zwischen Revolution und Romantik entstand ein neuer Musikstil, der klanglich gleichermaßen lukullisch, stürmisch und empfindsam eine neue Zeit einleitete. Die extremen Kontraste in der Ouvertüre zur Piraten-Oper Zampa (1831), dem ersten Track dieser CD, wiesen auch Hector Berlioz den Weg. Überhaupt ist dieses bekannteste Werk aus Hérolds Feder brillant orchestriert und mitreißend komponiert. Das Orchestra della Svizzera Italiana serviert es ebenso sportlich. Dabei sind weder Tempo noch Lautstärke unter der Stabführung des deutschen Dirigenten Wolf-Dieter Hauschild übertrieben. Auch werden Errungenschaften der “historisierenden Aufführungspraxis” behutsam umgangen. Dennoch wird schön phrasiert und die Konturen der Partitur sind deutlich herausgearbeitet – etwa die mahnenden Blechakkorde, die die festliche Stimmung des Anfangs in ganz andere Regionen führen. Der Einfluss Rossinis ist bereits in der Ouvertüre zu Zampa spürbar. Er reicht von einem kleinen Zitat aus dessen Ouvertüre zu Il barbiere de Siviglia bis hin zur wirbelnden Crescendo-Coda.
Solche italienischen Spuren sind auf Hérolds frühen Italien-Aufenthalt zurückzuführen, den ihm der Gewinn des begehrten Rompreises 1812 ermöglichte. Kurz danach entstanden seine beiden auf dieser Aufnahme versammelten Sinfonien Nr. 1 C-Dur und Nr. 2 D-Dur. Ihre Einordnung zwischen Haydn und Beethoven fällt schwer, am ehesten erinnern sie an die französische Frühromantik. Hérolds Pariser Lehrer Étienne-Nicolas Méhul mag für die eine oder andere Idee Pate gestanden haben. Gerne nutzt Hérold solistische Holzbläser neben den führenden Violinen. Auch ist sein Hang zu “gelehrter” Arbeit in mancher Passage spürbar (besonders in den Durchführungen der jeweils ersten Sinfonie-Sätze, aber an mancher anderer Stelle). Die zweite Sinfonie fällt wegen ihrer Dreisätzigkeit auf, die etwas rückblickend anmutet. Dafür kommt sie mit einer stolzen Largo-Intro­duktion daher. Rhythmisch pointierte Rondos mit Crescendo-Effekten beschließen beide Werke.
Ins Ohr gehen Hérolds kantable Melodien, die den gewieften Opernkomponisten verraten. In seiner langjährigen Tätigkeit für das Théâtre Italien in Paris wurde er ja ein Fachmann für die Fusion aus französischer und italienischer Oper. Die Ouvertüre aus Le Pré aux Clercs (1832) rundet die präsente, aber warme Aufnahme ab, die Holzbläser und Blech homogen einbindet. Es handelt sich allerdings um keine Neueinspielung. Ouvertüren und Sinfonien wurden bereits 1998 im RSI Auditorium in Lugano aufgenommen und 2000 beim italienischen Independant-Label Dynamic veröffentlicht. Dieses hat die Einspielung nun innerhalb der Reihe “Delizie Musicali” wieder aufgelegt.
Matthias Corvin