Peter Tschaikowsky, Igor Strawinsky, Sergej Prokofjew

Overture from Pique Dame, Jeu de cartes, Four Portraits and Final from The Gambler

Norddeutsche Philharmonie Rostock, Ltg. Marcus Bosch

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Coviello Classics COV92102
erschienen in: das Orchester 09/2021 , Seite 85

Von Ros­tock nach St. Peters­burg sind es ger­ade 1272 Kilo­me­ter Luftlin­ie, zu dem mit der Stadt befre­un­de­ten Kalin­ingrad ger­ade mal 546. Möglich, dass die rel­a­tive Nähe auch das Pro­gramm dieser CD der Nord­deutschen Phil­har­monie Ros­tock mit Werken von Tschaikowsky, Straw­in­sky und Prokof­jew bee­in­flusste. Mit dem Auf­nah­me­jahr 2020 feiert diese Scheibe gle­ichzeit­ig den offiziellen Ein­stand des neuen Chefdiri­gen­ten Mar­cus Bosch. Freilich wurde er vom Ros­tock­er Orch­ester bere­its 2018 – direkt nach sein­er Zeit als Nürn­berg­er GMD – als Con­duc­tor in Res­i­dence verpflichtet. Insofern ist man bere­its aufeinan­der einge­spielt, und das hört man auch aus diesen Auf­nah­men her­aus. Allerd­ings will man ihn und das Orch­ester auch endlich wieder live erleben – was die Coro­na-Pan­demie ver­hin­dert. Zudem fehlen in der aktuellen Poli­tik Öff­nungs-Strate­gien für den Kul­turbe­trieb, dessen Hygiene-Konzepte selb­st Fach­leute überzeu­gen. Aber das ist ein anderes Thema.
Den erfahre­nen Operndiri­gen­ten Bosch erken­nt man gle­ich im Vor­spiel zu Tschaikowskys Puschkin-Oper Pique Dame (1890), das angemessen dunkel und schw­er­mütig begin­nt und dann expres­siv aufge­laden wird. Umso über­raschen­der der Stil­wech­sel zu Igor Straw­in­skys Bal­lettmusik Jeu de cartes – Karten­spiel – (1937), die luftig, frech und zitier­freudig einen neok­las­sis­chen Ton anschlägt. Die the­ma­tis­che Verk­lam­merung wird auf dieser CD über das The­ma Karten­spiel hergestellt, das Tschaikowskys Oper mit Straw­in­skys Bal­lett und Sergej Prokof­jews Auszü­gen aus der Oper Der Spiel­er (1915–1917) verbindet. Dazu erk­lärt das lesenswerte Book­let von Cori­na Wenke und Clara Richter: „Die Ver­heißung des Glücks und die Gefahr des Unter­gangs liegen sel­ten so nah beieinan­der wie im Glücksspiel.“ Ein Stoff wie geschaf­fen für die Bühne.
Beson­ders in Straw­in­skys raf­finiert­er Par­ti­tur dür­fen sich die quirli­gen Holzbläs­er und das trock­en-pointierte Blech der Nord­deutschen Phil­har­monie Ros­tock beweisen. Das gelingt ihnen vortr­e­f­flich, und es zeugt von der Qual­ität des Klangkör­p­er und Boschs langjähriger Dirigier­erfahrung, dass alles sehr homogen und gut aus­bal­anciert klingt (dur­chaus vor­bildlich auch in den Stre­ich­ern). Die Chemie stimmt zwis­chen dem Neuen am Pult und dem Orch­ester. Hier und auch in den opu­lent präsen­tierten „Vier Por­traits und Finale“ aus der Dos­to­jew­s­ki-Oper Der Spiel­er wird wieder ein­mal bewiesen, was jen­seits von Star­rum­mel im Klas­sik­bere­ich ein­er deutschen Stadt mit cir­ca 200 000 Ein­wohn­ern geleis­tet wird.
Under­state­ment herrscht auf dem Titel­bild dieser CD: Darauf ist nicht Bosch zu sehen. Das entspricht sich­er seinem Ver­ständ­nis, dass Erfahrung und Kön­nen mehr wert sind als plaka­tive Ver­mark­tung von Typen. So ähn­lich hat er es gegenüber BR Klas­sik ein­mal geäußert. Aber ein Roulet­tekessel in Nahauf­nahme passt irgend­wie gar nicht zum The­ma Kartenspiel.
Matthias Corvin