Johann Sebastian Bach, Bernhard Bach, Ludwig Bach

Ouvertures for orchestra

Concerto Italiano, Ltg. Rinaldo Alessandrini

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Naïve
erschienen in: das Orchester 04/2020 , Seite 70

Über eine man­gel­nde Auswahl an Inter­pre­ta­tio­nen von Bachs Ouvertüren lässt sich nicht kla­gen. Von Con­cen­tus Musi­cus unter Niko­laus Harnon­court über die Akademie für Alte Musik und das Freiburg­er Barock­o­rch­ester bis hin zum Ensem­ble La Petite Bande unter Sigiswald Kujken haben zahlre­iche Ensem­bles für Alte Musik die berühmten Stücke einge­spielt. Umso beachtlich­er ist es, dass das vor­liegende Album alle­mal eine Bere­icherung des weit gefächerten Ange­bots darstellt, und dies vor allem aus zwei Grün­den: Die Kom­bi­na­tion der bekan­nten Suit­en mit zwei dra­matur­gisch ähn­lich gestal­teten, kaum bekan­nten Orch­ester-Ouvertüren von Johann Bern­hard und Johann Lud­wig Bach, zwei Cousins zweit­en Grades des berühmten Johann Sebas­t­ian, wirkt sehr reizvoll. Zudem gelingt den Ital­ienern eine überzeu­gende Ein­studierung, bei der jede Stimme von nur einem Musik­er gespielt wird.
Ob Bach seine Ouvertüren mit ähn­lich klein­er Beset­zung auf­führte, lässt sich auf­grund der spär­lichen Noten­ma­te­ri­al­lage zwar nicht ableit­en, da nicht aus­geschlossen wer­den kann, dass Kopi­en von Stim­men ver­loren gin­gen. Aber den­jeni­gen Hör­ern, die sich die Auf­nah­men ohne das Wis­sen um diese Details anhören, wird das wom­öglich kaum auf­fall­en, denn darin liegt die eigent-
liche Sen­sa­tion dieser Ein­spielung: Die majestätis­chen Eröff­nungssätze tönen der­art prächtig und voll im Klang, dass man ohne Weit­eres annehmen kön­nte, jed­er Part wäre min­destens zweifach beset­zt. Einen großen Anteil daran haben freilich die grandiosen Trompeter, die mit ihren sauberen, makel­losen Tönen, die sie aus ihren ven­til­losen Instru­menten her­vorza­ubern, Staunen machen. In solch­er Bril­lanz hat man die his­torischen Blech­blasin­stru­mente kaum je gehört.
Von großem Vorteil erweist sich dage­gen die schmale Beset­zung, die Rinal­do Alessan­dri­ni
in einem inter­es­san­ten, aber lei­der nicht ins Deutsche über­set­zten Essay im Book­let begrün­det, bei den kürz­eren Menuet­ten, Gavot­ten und Bour­réen, deren tänz­erischem Ges­tus der schlanke, trans­par­ente Stre­icherk­lang gut tut. Dies auch dank mod­er­ater Tem­pi, mit denen sich Con­cer­to Ital­iano wohltuend von zahlre­ichen anderen Ensem­bles der Orig­i­nalk­lang­be­we­gung abhebt, die es sich zur Gewohn­heit gemacht haben, zuse­hends noch schneller durch die Sätze zu het­zen. Mithin wal­tet in Alessan­dri­nis Ein­studierun­gen ein Höch­st­maß an Ele­ganz, Anmut und Grazil­ität, wobei stets auch der sil­brige Glitzer des Cem­ba­los hör­bar zu Ehren kommt.
Seine große Kön­ner­schaft zeigt Con­cer­to Ital­iano freilich auch mit der Gestal­tung der berühmten, vielfach roman­tisierten, verk­itscht­en Air in der D-Dur-Ouvertüre BWV 1068. Sie spielt ins­beson­dere der Solo­geiger zärtlich berührend und unpa­thetisch.
An den Werken der bei­den Bach-Cousins, die ein wenig an Tele­manns beliebte Tafel­musiken erin­nern, zeigen sich noch stärk­er die Ein­flüsse franzö­sis­ch­er und ital­ienis­ch­er Tanz­musik. Ins­beson­dere in der Suite von Johann Bern­hard Bach find­en sich hüb­sche melodis­che Ein­fälle und rhyth­misch eigen­willig markante Ohrwürmer, die aufhorchen lassen.
Kirsten Liese