Otto Schenk

Wer’s hört, wird selig

Musikalisches und Unmusikalisches

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Amalthea
erschienen in: das Orchester 04/2019 , Seite 60

Mar­cel Prawy ist schon länger tot. Ioan Holen­der dreht hochak­tiv gute TV-Kul­tursendun­gen bei einem grässlichen Pri­vat­sender. Alfred Wop­mann hat nach zwanzig Jahren höchst erfol­gre­ich­er Inten­danz bei den Bre­gen­z­er Fest­spie­len Besseres zu tun. Da bleibt im österreichi­schen Kul­turkreis nur Otto Schenk, der in der Welt der Oper eine lange und inter­na­tionale Rolle gespielt hat.
Nach­dem er 2006 Ein Stück aus meinem Leben veröf­fentlicht hat, 2010 Noti­zen aus meinen ersten 80 Jahren fol­gten und er 2014 wis­sen ließ: Ich bleib noch ein biss’l: Flüs­siges und Über­flüs­siges – da war klar, dass der Wiener „Musik(ver)führer“ Schenk über etliche andere Büch­er hin­aus immer noch ein paar Anek­doten, Begeg­nun­gen und bis­lang Unbekan­ntes parat hat. All das durfte er nun veröf­fentlichen.
Es ist eine Bon­bon­niere aus Pra­li­nen gewor­den, die irgend­wie alle mit Musik, Oper und ihren Kün­stlern zu tun haben. Es gibt zwar Kapitelüber­schriften, aber es geht auch fröh­lich unter­halt­sam quer durcheinan­der. Der Opern­fre­und freut sich über das Per­so­n­en­reg­is­ter: Da kann er sich die bunt ver­streuten bis zu zehn Stellen über Paul Schöf­fler, Walde­mar Kmentt, Gun­du­la Janowitz oder Karl Rid­der­busch zusam­men­su­chen. Die vier Namen ste­hen auch für ein Fak­tum: Schenk schreibt über eine Kün­st­ler­gen­er­a­tion, die nur der „Sil­bersee“ seines Lesepub­likums noch ken­nt – die Ergraut­en, die von etwa 1955 bis in die 1990er Jahre in die Oper gin­gen. Sie find­en Hüb­sches und Unbekan­ntes über Erich Kunz, Sena Jurinac, Eber­hard Waechter, Lucia Popp, Bir­git Nils­son, Wolf­gang Windgassen oder Fran­co Corel­li. Daneben ste­ht dann auch Verzicht­bares wie die von einem erfun­de­nen „Kur­ti“ erzählte Zauber­flöten-Hand­lung, oft auch nur Nettes und auch mal so Schiefes wie „Der andere Weg, der ins Volk abgedriftet ist, Pop, Jazz und die Volksmusik, lebt von der klas­sis­chen Musik…“ Da kann der Jaz­zken­ner nur die Augen ver­drehen und zu fundiert­er Fach­lek­türe greifen.
Über­haupt Fach­lich­es: Wer vom einst inter­na­tion­al täti­gen Regis­seur Gehaltvolles zu „Musik­the­ater“ erhofft, wird ent­täuscht. „Krankhafter Real­ist“ nen­nt Schenk sich selb­st – und so sahen seine frühen und besten Insze­nierun­gen von La Bohème, Rosenkava­lier, Figaros Hochzeit oder Liebe­strank bis in die 1980er Jahre auch aus. Dementsprechend hat er ab da haupt­säch­lich an der New York­er Met­ro­pol­i­tan Opera insze­niert, wo Pseu­do-Real­is­mus mit eini­gen „mod­er­nen“ Acces­soires geschätzt wurde und wird. Die Werk-Neu­sicht­en der Gen­er­a­tion Neuen­fels-Kupfer-Kon­witschny-Guth-Loy-Her­heim und andere sind nicht seine.
Schenk sieht sich selb­st in seinem Unter­hal­tungs- und Musikver­ständ­nis als „Nar­renseele“. So liest sich das unter­halt­same Buch mit seinen vie­len schö­nen Abbil­dun­gen.

Wolf-Dieter Peter