Thierry Pécou

Orquoy

pour grand orchestre

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott
erschienen in: das Orchester 11/2018 , Seite 63

Orquoy“ hieß in der Sprache der Anden­völk­er vor der kul­turellen Ein­flussnahme durch die europäis­che Koloni­sa­tion nach Kolum­bus das „Ein­tauchen in jene Zwis­chen­welt, wo die Melo­di­en zu Hau­se sind“, so ste­ht es im Vor­wort zu Pécous etwa 20-minütigem Werk für großes Orch­ester. Also greift der Paris­er Kom­pon­ist, wie so oft, auch hier zurück auf außereu­ropäis­che, urtüm­liche Musik­tra­di­tio­nen, die er während sein­er Reise­jahre durch Lateinameri­ka und nach dem Lesen der musiketh­nol­o­gis­chen Auf­sätze der Musik­wis­senschaft­lerin Ros­alia Mar­tinez über die Musik der Anden­völk­er gewon­nen hat. Ein­genom­men durchs Lesen des Vor­worts, in dem auch noch von rauschhaften Fies­tas die Rede ist, kön­nte man volk­stüm­lich ange­hauchte Klänge erwarten. Doch wie schon in sein­er Sym­phonie du jaguar aus dem Jahr 2003, die sich eben­falls auf präkolumbian­is­che Wurzeln beruft, sind die Inspi­ra­tionsquellen kaum – noch bess­er gesagt gar nicht – hör-bewusst.
Was einen dage­gen in Orquoy sofort gefan­gen nimmt, ist die explo­sive Rhyth­mik. Block­haft starten zu Beginn im ras­an­ten Tem­po die Holz­bläser das rauschhafte Fest, nicht das reiche Schlag­w­erk, um das Pécou die klas­sisch-sin­fonis­che Instru­men­ta­tion bere­ichert hat. Nach und nach mis­chen sich Con­gas, Cam­pana, Tepon­aztil, Tom-Tom und Co ins Geschehen, durch­brechen den rhyth­mis­chen Dia­log durch kurze, markant-melodis­che Ein­würfe.
Tem­pi­wech­sel kennze­ich­nen den Beginn jedes neuen Abschnitts und allmäh­lich ver­größert sich das rhyth­misch-präg­nante Urmo­tiv, wird aus­gedehn­ter und bunter, sowohl rhyth­misch als auch melodisch. Das Ein­tauchen in die „Zwis­chen­welt, wo die Melo­di­en zu Hause sind“, nimmt Fahrt auf.
Pécous Klang­sprache bewegt sich abseits der gewohn­ten Pfade ein­er Avant­garde. Die stete Beto­nung der Extrem­la­gen in den Holzbläsern, der vor­wärts treibende Rhyth­mus und ein exo­tisch anmu­ten­der Gebrauch lateinamerikanis­ch­er Perkus­sion­se­le­mente prä­gen seinen Stil. Klang- und Rhyth­musebe­nen über­lap­pen und ver­men­gen sich zum dicht­en Klangtep­pich, in dem die einzel­nen Teile von Rhyth­mik und Melodik ihr Eigen­leben ver­lieren.
Orquoy ist ein inter­es­santes und auch sicher­lich pack­endes Orch­ester­w­erk, aber die Exotik ein­er frühen Andenkul­tur ist nicht spür­bar; und wahrschein­lich war sie auch nicht zu erwarten. Die musikalis­chen Wurzeln der Andenkul­tur sind so verblasst, dass sie kaum noch nutzbar sind, erst recht nicht in einem Orch­ester­w­erk sin­fonis­chen Zuschnitts. Eine Auseinan­der­set­zung mit der frem­den Kul­tur ist nicht zu spüren. Allein der Gebrauch lateinamerikanis­ch­er Per­cus­sion­in­stru­mente als exo­tis­che Beilage reicht da nicht aus, um Bezüge zu ein­er anderen, längst ver­gan­genen Kul­tur herzustellen. Und das ist dann auch der einzige Kri­tikpunkt: Anders als in seinen früheren Werken bleibt er hier zu sehr an der Ober­fläche; ein Konzept schim­mert nicht so richtig durch. Orquoy ist eben nicht so aus­sagekräftig, so per­sön­lich wie seine früheren Werke. Pack­end zu hören ist es aber alle­mal. <
Markus Roschin­s­ki