Braunfels, Walter

Orchestral Songs, Volume 1

Valentina Farcas (Sopran), Klaus Florian Vogt (Tenor), Michael Volle (Bariton), Staatskapelle Weimar, Ltg. Hansjörg Albrecht

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Oehms Classics OC 1846
erschienen in: das Orchester 12/2016 , Seite 66

Mit sein­er Oper Die Vögel nach Aristo­phanes war Wal­ter Braun­fels (1882–1954) in den 1920er Jahren auf Augen­höhe mit den erfol­gre­ichen Musik­the­aterkom­pon­is­ten Richard Strauss und Franz Schrek­er. 1933 erhielt der Rek­tor der Köl­ner Musikhochschule von den Nation­al­sozial­is­ten als „Hal­b­jude“ Berufsver­bot. In der inneren Emi­gra­tion kom­ponierte er ohne Auf­führungsmöglichkeit­en weit­er. Nach dem Ende des Zweit­en Weltkriegs war seine spätro­man­tisch geprägte, die Tonal­ität nie voll­ständig aufgebende Musik nicht „avant­gardis­tisch“ genug, ein Schick­sal, das er mit vie­len bedeu­ten­den Kom­pon­is­ten der 1920er Jahre teilte, die nicht zur Zweit­en Wiener Schule gehörten. Seit den 1990er Jahren gibt es ver­stärkt Bestre­bun­gen, die von den  Nation­al­sozial­is­ten als „entartetet“ gebrand­mark­te Musik wiederzuent­deck­en: Nicht nur Braun­fels’ Oper Die Vögel wurde auf CD veröf­fentlicht und wieder auf die Büh­nen gebracht, Ein­spielun­gen weit­er­er Werke fol­gten, darunter auch geistliche Werke des 1918 zum Katholizis­mus kon­vertierten Kom­pon­is­ten.
Im Mai erschien die erste Folge der Ein­spielung sein­er Orch­ester­lieder mit dem Diri­gen­ten Han­sjörg Albrecht und der sehr klangschön musizieren­den Weimar­er Staatskapelle. Vor­spiel und Pro­log der Nachti­gall op. 30,3 für Koloratur­so­pran und der Abschied vom Walde für Tenor von 1913 sind später in die Oper Die Vögel einge­gan­gen. Die ungarische Koloratur­so­pranistin Valenti­na Far­cas begeis­tert mit dem Nachti­gal­len­lied mit schi­er gren­zen­losen Vir­tu­osität, bei der man unwillkür­lich an die Zer­bi­net­ta von Richard Strauss (Ari­adne auf Nax­os) denken muss. Gewohnt geschmei­dig und höhen­sich­er ste­ht ihr der bekan­nte Wag­n­er-Tenor Klaus Flo­ri­an Vogt beim Abschied vom Walde kaum nach.
1918 wur­den die Orch­ester­lieder An die Parzen und der laut­ma­lerisch geprägte Der Tod für’s Vater­land (nach Hölder­lin) sowie Auf ein Sol­daten­grab nach Hesse uraufge­führt, die die Kriegser­fahrun­gen von Braun­fels reflek­tieren. Drama­tis­che Wucht, Pathos und ein dämonis­che Schreck­ensszenario bes­tim­men diese Lieder für Bass und große Orch­esterbe­set­zung. Michael Volle stellt sich den Her­aus­forderun­gen der Werke trotz kleiner­er Ein­schränkun­gen in der Höhe mit Applomb und Gestal­tungskraft.
Don Juan (op. 34, Vari­a­tio­nen über die „Cham­pag­n­er-Arie“ aus Mozarts Don Gio­van­ni) zeigt Braun­fels als eben­so ein­fall­sre­ichen Instru­men­ta­tor wie stets für neue Ein­fälle und über­raschende Wen­dun­gen ste­hen­den Kom­pon­is­ten. Han­sjörg Albrecht und die reak­tion­ss­chnelle, in allen Grup­pen gut beset­zte Staatskapelle Weimar ist nicht nur bei den Orch­ester­liedern, son­dern vor allem bei Don Juan ein die kom­plex­en Par­ti­turen mit eben­so viel Über­sicht wie drama­tis­chem Zugriff ange­hen­der Diri­gent.
Ende Sep­tem­ber erschien eben­falls bei Oehms Clas­sics die zweite Folge der Orch­ester­lieder, die Albrecht mit bedeu­ten­den Solis­ten und dem Konz­erthau­sor­ch­ester Berlin einge­spielt hat.
Wal­ter Sch­neck­en­burg­er