Julius Röntgen

Orchestral, Choral & Chamber Music

Viotta Ensemble/Wyneke Jordans/ Leo van Doeselaar (Klavier)/Netherlands Chamber Choir, Ltg. Uwe Gronostay/ Netherlands Radio Symphony Orchestra, Ltg. Jac van Steen/ Alexander Kerr (Violine), Gregor Horsch (Violoncello), Sepp Grotenhuis (Klavier)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Brilliant Classics
erschienen in: das Orchester 07-08/2020 , Seite 68

Bei dem Namen Rönt­gen denkt man wohl zunächst an den Physik­er Wil­helm Con­rad Rönt­gen – hier geht es aber um Musik. Der Vater des 1855 gebore­nen Julius Rönt­gen spielte als Konz­ert­meis­ter im Leipziger Gewand­hau­sor­ch­ester, die Mut­ter, eine Pianistin, stammte aus der Fam­i­lie Klen­gel, Julius, der berühmte Cel­list, und der andere Julius waren Cousins. So viel musikalis­ch­er Adel verpflichtet; zu Julius’ Lehrern und Bekan­nten gehörten Gewand­haus­di­rek­tor Carl Rei­necke sowie die Hofkapellmeis­ter Franz Liszt und Franz Lach­n­er. 1877 begab sich der (freilich nur mäßig erfol­gre­iche) Pianist nach Ams­ter­dam, wo er zu den Grün­dern des Kon­ser­va­to­ri­ums und den Ini­tia­toren des Con­cert­ge­bouw gehörte und auch Johannes Brahms ken­nen­lernte. Der schillernde Lebenslauf des 1932 in Utrecht gestor­be­nen Julius Rönt­gen nimmt noch weit­ere Kur­ven. Nach dem man­i­festen kul­turellen Umbruch als Folge des Ersten Weltkriegs beauf­tragte Thomaskan­tor Karl Straube den gebür­ti­gen Leipziger Rönt­gen, einige Motet­ten zu schreiben. Im Rah­men dieser kul­turellen Umbruchzeit bleiben die (hier einge­spiel­ten Motet­ten von 1920 und 1929) merk­würdig blass, har­monisch – denkt man an Reger! – unin­spiri­ert, bieten auch jugend­musik­be­wegten Sim­pliz­itäten oder neutöner­ischen Ambi­tio­nen keine Angriffs­fläche. Selb­st der wohlk­lin­gende Nieder­ländis­che Kam­mer­chor kann aus den alt­meis­ter­lichen, von Fugen durch­zo­ge­nen, am Text sich abar­bei­t­en­den Chorsätzen nicht mehr Funken schla­gen. Lei­der fehlen die gesun­genen Texte im zwölf­seit­i­gen Book­let des Bud­get-Labels, das auf dieser Dop­pel-CD in den 1990er Jahren ent­standene, bere­its von NM Clas­sics veröf­fentlichte Auf­nah­men zusam­men­packt. Man ist bei aller Sparsamkeit schon für einen ver­hält­nis­mäßig aus­führlichen Begleit­text (nur in englisch) dankbar. Spätestes (bzw. jüng­stes) Werk ist die 1930 ent­standene, ein­sätzige cis-Moll-Sin­fonie mit finaler Sopran-Vokalise (Rober­ta Alexan­der); in diesem schwel­gerisch aus der Zeit gefal­l­enen, mit schö­nen Klang­far­ben gewürzten Werk begeg­net man noch ein­mal dem 2005 aufgelösten nieder­ländis­che Rund­funko­rch­ester. Gän­zlich nach Brahms klin­gen die drei Sonat­en vom Ende des 19. Jahrhun­derts (darunter ein drama­tisch aufgewühltes Trio) für Vio­line, Vio­lon­cel­lo und Klavier – es ist ohne­hin das Schick­sal wenig bekan­nter Kom­pon­is­ten, dass ihre Werke sich am bekan­nten, durchge­set­zten Reper­toire messen lassen müssen. Rönt­gens Musik, soweit sich das nach dieser Werkschau sagen lässt, ist handw­erk­lich gekon­nt, ori­en­tiert sich aber eher an Vor­bildern, anstatt von sich aus nach Orig­i­nal­ität zu streben. Das gilt auch für das vir­tu­os ambi­tion­ierte The­ma mit Vari­a­tio­nen op. 17 für Klavier zu vier Hän­den und, ein­lei­t­end, die unter­halt­same Ser­e­nade. Bleibt die Diag­nose: Musikgeschichte ist noch nie ger­adeaus ver­laufen.
Andreas Bom­ba