Behschnitt, Rüdiger

Orchestermusiker? – LOL!

Im Internet entführt uns Gretchen in die wunderbare Welt des Orchestergrabens

Rubrik: Bericht
erschienen in: das Orchester 02/2008 , Seite 45

Tage­buch zu schreiben ist out! Oder doch nicht? Wer jet­zt an die handgeschriebe­nen Ergüsse pubertieren­der Back­fis­che denkt, die ihr rosa­far­benes Büch­lein unter der Matratze ver­steck­en, hat wichtige Verän­derun­gen unser­er Medi­enge­sellschaft ver­schlafen. Die Öffentlich­machung des Pri­vat­en macht sich nicht nur in Form von Handy-Beschal­lung in der S‑Bahn bemerk­bar, son­dern hat auch das Inter­net längst erfasst: Der Blog – Abkürzung für Weblog, eine Wortkreuzung aus World Wide Web und Log­buch – ist ein im Inter­net geführtes und damit öffentlich ein­se­hbares Tage­buch, in dem die jew­eili­gen Tage­buch­schreiber ihre sehr sub­jek­tive Sicht auf ihre Umwelt kund­tun. Die Blo­gosphäre, wie sich die Gesamtheit der Blog­ger nen­nt, bietet damit aber auch eine Form von unzen­siert­er Öffentlichkeit, die von Mei­n­ungs­mach­ern und Medi­en dur­chaus ernst genom­men wird und etwa in dik­ta­torischen Gesellschaften eine wichtige Gegenöf­fentlichkeit bildet.
Von ein­er „Dik­tatur“ ganz eigen­er Art, näm­lich aus dem Innen­leben eines Orch­esters, berichtet eine Musik­erin, die sich das Pseu­do­nym „Gretchen­frage“ gegeben hat. Unter http://orchestermusiker.blog.de/ schreibt Gretchen „über das Leben mit der brot­losen Kun­st, nervige Neben­jobs“ und erlaubt uns „Blicke in den Orch­ester­graben und hin­ter die Kulis­sen“. Und das nicht ohne Erfolg: Als Gretchen im Feb­ru­ar 2007 mit ihrem Blog begann, erre­ichte sie schnell Zugriff­szahlen von 200 pro Tag. Inzwis­chen erfreut sich ihr Web­tage­buch steigen­der Beliebtheit und kann bis Mitte Dezem­ber 2007 die stolze Zahl von über 60000 Zugrif­f­en vor­weisen.
Was Gretchen zu bericht­en weiß, ist aber auch zu komisch: vom Horn­mund­stück, das in den Spalt des Podi­ums fällt, über den Kol­le­gen, der hin­ter­rücks von der Bühne kippt, bis zum Schlagzeuger, der während der Vorstel­lung den Orch­ester­graben nicht ver­lassen kann und daher mal eben hin­ter die große Trom­mel pinkelt… Doch natür­lich schreibt Gretchen sich auch ihren Frust von der Seele: „Viele Leute stellen sich unseren Beruf immer rosarot vor: Wir dür­fen schöne Musik machen und bekom­men das auch noch bezahlt. Dass man von dem Gehalt kaum große Sprünge machen kann und für einen gewis­sen Lebens­stan­dard neben­her unter­richt­en oder muggen muss, ahnen die wenig­sten Leute. Und was man bei diesen ‚Neben­jobs‘ so alles erlebt, gehört für mich auch in den Blog.“ Die Kol­le­gen seien im Übri­gen ahnungs­los, was ihre Aktiv­itäten im Netz angin­ge, so Gretchen: „Ich habe zwei Kol­le­gen gegenüber erwäh­nt, dass ich gele­gentlich blogge, aber damit wussten bei­de nichts anz­u­fan­gen.“
Und auch wenn so manch­er Kol­lege, Diri­gent oder Kom­pon­ist sein Fett abbekommt: Mit ihrer unbeküm­merten und muti­gen Berichter­stat­tung scheint Gretchen schon so manchen Leser für die Klas­sik begeis­tert zu haben: „Den Blog habe ich ursprünglich eher für mich selb­st geschrieben, als eine Art Tage­buch, nur eben öffentlich – und habe nach kurz­er Zeit fest­gestellt, dass die Seite in erster Lin­ie von absoluten Klas­sik-Laien gele­sen wird, für die dieser Blog die einzige Erfahrung mit klas­sis­ch­er Musik ist. Von eini­gen Lesern habe ich schon Post bekom­men, dass sie mit Inter­esse in ein Konz­ert oder eine Oper gegan­gen sind, obwohl sie dies niemals zuvor getan haben. Es hat sie inter­essiert, ob sie die vie­len kuriosen Dinge, die während ein­er Auf­führung passieren, mit­bekom­men und sie waren let­ztlich unheim­lich beein­druckt von der ganzen Sache. Ich glaube, einige von ihnen gehen sog­ar schon regelmäßig.“
Lars aus dem Ruhrge­bi­et bestätigt Gretchens Aus­sage: „Du hast mich als Klas­sik-Ver­achter übri­gens zu einem richti­gen Fan gemacht und ich habe mit­tler­weile schon 3x Sin­foniekonz­erte und eine Oper­nauf­führung von Fal­staff besucht. Eigentlich wollte ich nur sehen, ob was Lustiges im Orch­ester passiert, aber dann hat mir plöt­zlich die Musik so gut gefall­en, und so ein Abend hat doch echt Stil!“, schreibt er in einem Kom­men­tar.
Das inter­ak­tive Medi­um trägt nicht zulet­zt zur Attrak­tiv­ität des Web-Tage­buchs bei. Die Leser kön­nen die Ein­träge des Schreibers kom­men­tieren und ihre eigene Sicht der Dinge hinzufü­gen. Nicht sel­ten ist die Aus­sagekraft der Kom­mentare jedoch eher ger­ing und beschränkt sich auf Abkürzun­gen, die in der „Gen­er­a­tion SMS“ das geschriebene Wort erset­zen: So ste­ht etwa „LOL“ für „Laugh­ing Out Loud“ (= lautes Lachen) – ein Net­z­jar­gon, der erst ver­standen sein will. Seine Über­legen­heit in punc­to Schnel­ligkeit gegenüber einem Print­medi­um beweist das Inter­net übri­gens auf seine eigene Art: Noch während dieser Beitrag entste­ht, hat Gretchen schon ihren Kom­men­tar zur Veröf­fentlichung ins Netz gestellt!
Und wie geht’s weit­er mit dem Orchestermusiker.blog? Im Gespräch hat Gretchen angedeutet, dass sie aus pri­vat­en Grün­den den Blog wom­öglich been­den wird, um sich anderen The­men zuzuwen­den. Doch wer wird dann zukün­ftig live aus dem Graben bericht­en? Wird Gretchen ihre tausend­köp­fige Fan-Gemeinde im Stich lassen? „Nun sag: Wie hast du’s mit dem Blog?“ – Das ist hier die Gretchenfrage!