Achim Hofer (Hg.)

Oper und Militärmusik im „langen“ 19. Jahrhundert

Sujets, Beziehungen, Einflüsse

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Königshausen & Neumann
erschienen in: das Orchester 10/2020 , Seite 59

Kaum zu glauben, dass das Mil­itär ein­mal Anlei­hen bei der Oper machen musste. Doch es hat sich tat­säch­lich Fol­gen­des ereignet: Als im Som­mer 1872 der ägyp­tis­che Khe­dive bei einem Staats­be­such in Kon­stan­tinopel musikalisch angemessen begleit­et wer­den sollte, lieh sich die ägyp­tis­che Mil­itärkapelle ein paar Aida-Langtrompe­ten samt Spiel­ern am heimis­chen Opern­haus in Kairo aus. Ein halbes Jahr zuvor hat­te die Urauf­führung von Verdis Oper “Aida” dort am Nil stattge­fun­den, für die sich Ver­di die Instru­mente eigens hat­te anfer­ti­gen lassen – in Ital­ien allerd­ings.
Eine schöne Geschichte in ein­er umfan­gre­ichen Samm­lung von Auf- sätzen, die als Beiträge eines Kon­gress­es an der Uni­ver­sität Koblenz-Lan­dau unter­suchen, wie Oper und Mil­itär­musik zwis­chen der Franzö­sis­chen Rev­o­lu­tion und dem Ersten Weltkrieg, also in jen­er Zeit, die man das „lange“ 19. Jahrhun­dert nen­nt, eine Liai­son oder zumin­d­est eine Wech­sel­wirkung einge­gan­gen sind.
Es war nicht damit getan, dass manch­er Opern­stoff mil­itärisches Per­son­al hat­te, ein Büh­nen­werk einen mil­itärisch ange­haucht­en Titel führte (beispiel­sweise Donizettis “La fille du rég­i­ment”), über­lieferte Sol­da- ten­lieder zitierte oder eine Mil­itär­musik der Dra­maturgie der Hand­lung fol­gend auf der Bühne nach dem „Ban­da sul paco“-Prinzip spie­lend zu sehen war.
Dafür gibt es zwar aus­re­ichende Beispiele, doch die Mil­itär­musik wur- de auch vor-leit­mo­tivisch sozusagen abstrahiert: als Aus­druck ein­er sich ankündi­gen­den Bedro­hung oder aber eines fes­tlichen Ereigniss­es. Auch fungierte sie als Per­sön­lichkeitsmerk­mal ein­er Opern­fig­ur, die mit dem Mil­itär ver­bun­den war, oder als Aus­druck des realen Lebens im Gegen­satz zu ein­er Märchen- oder Fan­tasiewelt.
Die Rich­tun­gen, in die sich die Wech­sel­wirkun­gen entwick­el­ten, sind sehr unter­schiedlich. So wur­den Oper­nauss­chnitte ver­stärkt in das Reper­toire von Mil­itär­musikkapellen aufgenom­men, die mehr und mehr in das bürg­er­liche Leben Einzug hiel­ten. Umgekehrt sorgten die mil­itärischen Kapellen für Ver­stärkun­gen der Orch­ester an manchen Opern­häusern. Die beliebte Bear­beitung von Opern­stück­en für die kleinere Beset­zung bis hin zur Ein-Mann-Ver­sion als Klavier­auszug tat­en ihr Übriges dazu. Und manch­es Stück erre­ichte später in anderen Zusam­men­hän­gen Berühmtheit: Der bis heute aus Funk und Fernse­hen bekan­nte “Narrhal­la-Marsch”, der dem Hör­er wirkungsvoll sig­nal­isiert, dass wieder ein­mal Karneval­szeit ist, kommt schon in sein­er Sub­stanz in der Oper “Le brasseur de Pre­ston” von Adolphe Adam vor, und Offen­bach hat in sein­er Oper “Geneviève de Bra­bant” die Hymne der US-Marine musikalisch aus der Taufe gehoben.
Die Betra­ch­tun­gen der Mil­itär­musik gehen aber auch über die Oper hin­aus: So wer­den Zusam­men- hänge zwis­chen Sol­daten­liedern und der Entste­hung des Män­ner- gesangvere­in­swe­sens beschrieben. Let­z­tendlich behan­delt die Auf­satzsamm­lung ein span­nen­des The­ma: zwei Musikrich­tun­gen, die schein­bar nichts miteinan­der zu tun haben, in Rela­tion zu set­zen und die enor­men Auswirkun­gen zu betra­cht­en, die es für bei­de hat­te.

Sabine Kreter