Karl-Heinz Reuband (Hg.)

Oper, Publikum und Gesellschaft

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Springer VS
erschienen in: das Orchester 05/2018 , Seite 62

Die Opern­häuser des 19. Jahrhun­derts und die Neubaut­en der Nachkriegszeit prä­gen nicht nur die Stad­tan­sicht­en. Sie sind steinge­wor­denes Repräsen­ta­tions­bedürf­nis des Bürg­er­tums von früher. Als Kun­st­form ist die Oper und damit ihr Pub­likum seit Län­gerem im Fadenkreuz der akademis­chen Sozi­olo­gie.
Da gibt es eine Fülle von inter­es­san­ten Fragestel­lun­gen: Wer geht in die Oper? Wie sind der Bil­dungs­stan­dard und der Alters­durch­schnitt? Kom­men die Besuch­er aus der Stadt, dem Umland oder von weit­er her? Welchen Ein­fluss haben Feuil­leton und Rezen­sio­nen auf den Karten­verkauf? Dient der Opernbe­such, wie immer behauptet wird, der sozialen Dis­tink­tion? Wie spiegelt die Oper poli­tis­che und gesellschaftliche Umbrüche? Stimmt die These von der Umwe­grentabil­ität, dass Hochkul­tur zur wirtschaftlichen Entwick­lung ein­er Stadt oder Region beiträgt? Und dann die Fra­gen nach den Hör­ern: Wer hört was und wovon wie viel und was schließt sich dabei aus oder ergänzt sich? Wie eignen sich pop­uläre Pro­jek­te, um neues Pub­likum für die Kul­turtem­pel zu gener­ieren?
Es sind zwölf Stu­di­en zu solchen Fra­gen, die der Düs­sel­dor­fer Sozi­ologe Karl-Heinz Reuband in einem lesenswerten Buch vere­int hat. Ein Teil der Auf­sätze ist dem his­torischen sozial- oder poli­tik­wis­senschaftlichen Ansatz verpflichtet. In aller Kürze lassen sich die Ergeb­nisse so zusam­men­fassen: Auch früher wur­den Kul­tur­baut­en viel teur­er und später eröffnet als geplant, wie am Wieder­auf­bau der Wiener Staat­sop­er gezeigt wird. Außer­dem diente der Wieder­auf­bau der nationalen Selb­stvergewis­serung. Dass es in Lon­don zu Beginn des 19. Jahrhun­derts regel­rechte Saalschlacht­en gab, weiß man auch nicht mehr angesichts des heuti­gen (gezähmten) Pub­likums. Offen­bar kam es vor allem bei den Proms immer wieder zu Prügeleien.
Dort, wo sich die Autoren sta­tis­tis­ch­er Meth­o­d­en und Umfra­gen bedi­enen, fördern sie inter­es­sante und sehr aus­d­if­feren­zierte Erken­nt­nisse zu Tage. Vielle­icht sind die Ergeb­niss manch­er dieser Mikro-Stu­di­en nicht zu ver­all­ge­mein­ern, aber in ihrer Ten­denz den­noch erhel­lend genug: Das Opern­pub­likum ist stärk­er geal­tert als die Gesellschaft ins­ge­samt. Solchen Orten, wo im späten Barock Opern­häuser gebaut wur­den, geht es heute in der Regel wirtschaftlich bess­er. Liveüberta­gun­gen von Opern­events auf öffentliche Plätze gener­ieren kein neues Pub­likum für den „nor­malen“ Opernbe­such. Musikgeschmack, Inter­esse an „Hochkul­tur“ und Inter­esse für andere Musik­stile lassen sich nicht so ein­fach Milieus zuord­nen.
Vor allem die Auf­sätze, die sich der sta­tis­tis­chen Meth­o­d­en bedi­enen, zitieren immer wieder die These von Pierre Bour­dieu von 1982 (Die feinen Unter­schiede): Nichts würde die soziale Posi­tion ein­drucksvoller doku­men­tieren als der Musikgeschmack. Das Ergeb­nis: Die These stimmt in dieser Form nicht.
Der vor­liegende Band will kein Rat­ge­ber für das Kun­den­man­age­ment der Opern­häuser sein. Es ist ein anspruchsvolles, dif­feren­ziertes Buch, das diejeni­gen mit Gewinn lesen wer­den, die mehr über die Oper in der Gesellschaft wis­sen möcht­en.
Ger­not Woj­narow­icz