Merle Fahrholz/Heribert Germeshausen/Ulrike Hartung/Anno Mungen (Hg.)

Oper 2020

Eine Dokumentation aus der Oper Dortmund

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Königshausen & Neumann, Würzburg 2021
erschienen in: das Orchester 10/2021 , Seite 69

Im Mai 2021 war man noch immer nicht weit­er. Ein Jahr zuvor gab es nach dem ersten Lock­down in kleinen Schrit­ten ein Früh­lingserwachen des The­ater- und Konzertlebens, meis­tens in kleineren For­mat­en und an ungewöhn­lichen Orten. Im Herb­st 2020 ging man an die Endredak­tion dieser Doku­men­ta­tion mit Inter­views, Auf­sätzen und Befra­gun­gen von Men­schen, die am Haus, im Opern­stu­dio NRW, als Gäste und Beobach­t­ende mit der Oper Dort­mund ver­traut sind.
Der Prozess des Nach­denkens hat sich sei­ther ver­schärft und verdichtet. Auf­schlussre­ich ist die „Chronik ein­er Krise“ mit allen wegen der Pan­demie erforder­lichen Umord­nun­gen vom 2. März 2020, als erste Schutzempfehlun­gen des Robert-Koch-Insti­tuts das The­ater Dort­mund erre­icht­en, bis zum Ende der Som­mer­pause am 3. August 2020.
Knapp vor dem ersten Lock­down kon­nte vor 25 Jour­nal­is­ten, aber ohne Pub­likum, noch eine „Gen­er­al­probe 2“ der Neupro­duk­tion von Daniel-François-Esprit Aubers Die Stumme von Por­ti­ci stat­tfind­en. Durch die Präsenz der Kri­tik und deren pub­lizierte Resul­tate erfuhr das Ensem­ble eine Würdi­gung sein­er Arbeit und damit einen sym­bol­is­chen Abschluss derselben.
Die Nieder­schriften zeigen, dass Coro­na für Musik­the­ater­schaf­fende ähn­liche Unwäg­barkeit­en, Sor­gen, Nöte, Äng­ste und Krisendiskus­sio­nen her­vor­rief wie für andere Beruf­s­grup­pen. Es geht um das Nach­denken über kurzfristigere Pla­nungszeit­en und damit ein agileres Reagieren auf Zeitim­pulse. Gle­ichzeit­ig wird klar, dass die unter­broch­ene Pro­duk­tions- und Repro­duk­tions­folge des kom­plex­en Spiel- und Proben­be­triebs mit sein­er hohen Spezial­isierung auch die hohe Qual­ität und bre­ite Stil­vielfalt des Musik­the­aters beeinflusst.
Mit Niko­laus Hab­jan und Mar­tin G. Berg­er kom­men zwei Regis­seure der jun­gen Gen­er­a­tion zu Wort, welche – Hab­jan mit Pup­pen, Berg­er mit in jed­er Insze­nierung verän­derten medi­alen Gegeben­heit­en – eine andere Flex­i­bil­ität fordern als per­son­elle Masse­naufmärsche. Einig sind sich alle darin, dass die erzwun­gene Dis­tanz und Arbeit­sun­ter­brechun­gen eine größere empathis­che und emo­tionale Nähe bewirkten.
Zum Erscheinen dieser Aus­gabe von das Orch­ester ist die Pre­mieren- und Vorstel­lungssi­t­u­a­tion schon längst wieder eine andere als in Oper 2020. Weit­ere Pro­jek­t­trans­fers wer­den fol­gen. The Sound of Dort­mund kam inzwis­chen als Film her­aus. Die Pre­miere von Camille Saint-Saëns’ Frédé­gonde wurde erst von Jan­u­ar auf Mai und dann von Mai auf Herb­st 2021 ver­schoben. Tanzpro­duk­tio­nen wan­dern von der Bühne als Video in den Stream, „kleine“ Pro­duk­tio­nen sind fer­tig auch zur Ver­wen­dung vor Pub­likum. Die hier dargestell­ten Befind­lichkeit­en wer­den altern wie andere Coro­na-Phänomene, aber sie beweisen die Erneuerungskraft des Musik­the­aters. Dieses ist bei weit­em nicht so starr, wie viele glauben.
Roland Dippel