Werke von Penderecki, Henze, Ligeti und anderen

Open Your Ears

Gerd Albrecht dirigiert und erklärt. Deutsches Symphonie-Orchester Berlin/Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Arthaus Music
erschienen in: das Orchester 11/2018 , Seite 79

In den meis­ten jun­gen Men­schen und oft sog­ar auch in älteren Erwach­se­nen schlum­mert eine Neugi­er auf eine Beschäf­ti­gung mit bish­er unbekan­nten Klän­gen, die wir weck­en und fördern möcht­en.“ Diesen Anspruch ver­fol­gte Gerd Albrecht stets in seinem musikalisch-päd­a­gogis­chen Schaf­fen. Er war der fes­ten Überzeu­gung, dass Neugi­er und Fan­tasie die Grund­la­gen und Kun­st und Kul­tur die Dialog­part­ner­in­nen eines mod­er­nen Men­schen sind. Es ging ihm darum, Musik – vor allem die des 21. Jahrhun­derts – zu ver­ste­hen und die Ideen der Kom­pon­is­ten nachzu­vol­lziehen.
Als Kon­se­quenz entwick­elte er ana­lytis­che Erk­lärkonz­erte, die beim Sender Freies Berlin in der Rei­he Wege zur Neuen Musik mün­de­ten. Im Gespräch mit den jew­eili­gen Kom­pon­is­ten nimmt er ein Werk auseinan­der und puzzelt es Stück für Stück gemein­sam mit dem Pub­likum wieder zusam­men, bevor dieses abschließend als Ganzes erklingt.
Gerd Albrecht dirigiert, das Deutsche Sym­phonie-Orch­ester (ehe­mals Rund­funk-Sin­fonieorch­ester) Berlin spielt und das Ergeb­nis heute sind wahre Zeitzeug­nisse, die jet­zt erst­ma­lig als DVD-Samm­lung erschienen sind. Auf sechs DVDs befind­et sich eine Auswahl eben jen­er Gespräch­skonz­erte. In einem aus­führlichen Begleit­buch sind neben Infor­ma­tio­nen zu den Kom­pon­is­ten und den gespiel­ten Werken Essays von Fachjour­nal­is­ten und Musikschrift­stellern zu find­en.
Zugegeben, das „Erklärbär“-Format ist nicht die zeit­gemäße Form der Musikver­mit­tlung. Doch sind diese Filme ein Beweis dafür, dass Lei­den­schaft und Authen­tiz­ität wichtiger sind als ein inno­v­a­tives Set­ting. Denn sowohl Gerd Albrecht als auch die zahlre­ichen Kom­pon­is­ten wis­sen, wovon sie sprechen, und erre­ichen damit ihr Pub­likum, zumal die meis­ten die Veröf­fentlichung dieser Edi­tion lei­der nicht mehr erleben.
Diese Film­samm­lung ist nicht zulet­zt eine große Hom­mage an Gerd Albrecht als Musik-Deuter und Klang-Erk­lär­er. Seine Ziel­gruppe seien nicht die Neue-Musik-Nerds und die Ken­ner, die müde über Donaueschin­gen lächeln. Er möchte diejeni­gen ansprechen, die Hören ler­nen wollen, die ver­ste­hen wollen, jung und alt! Die ganze Konz­ertrei­he wurde als großes Edu­ca­tion-Pro­jekt ange­se­hen und war damit Mitte der 1980er Jahre ein Novum, aus dem her­aus sich For­mate wie „2 x hören“ entwick­eln kon­nten.
Für den Gebrauch dieser Filme im schulis­chen Musikun­ter­richt bedarf es ein­er konkreten Szene­nauswahl. Für die uni­ver­sitäre Lehre und den inter­essierten Konz­ertbe­such­er hinge­gen sind sie ein Schatz. Die Edi­tion hat jüngst den „Preis der deutschen Schallplat­tenkri­tik“ erhal­ten und sollte auf­grund der englisch-deutschen Aus­gabe inter­na­tionalen Anklang find­en. Abschließend bleibt nur die Ker­naus­sage des ganzen For­mats zu unter­stre­ichen: Open Your Ears!
Eva-Maria Köster