Claudia Irle-Utsch

Würzburg: Offene Türen in freie Räume

Das Mozartfest Würzburg folgt 2022 dem Motto „Alles in einem: Freigeist Mozart“ und fragt nach dem Neuen im Alten

Rubrik: Bericht
erschienen in: das Orchester 10/22 , Seite 52

Mozart war in der Stadt. Im über­tra­ge­nen Sinne: mit seinem Geist, mit sein­er Musik. Natür­lich in den prachtvollen Sälen der Würzburg­er Res­i­denz, natür­lich auch im Kil­ians­dom oder in St. Stephan. Aber eben auch mit­ten­drin. Manch­mal uner­wartet, in jedem Fall erfahrbar und gegen­wär­tig. Ein Musik­er, der sich zu sein­er Zeit einen Freiraum eroberte – inno­v­a­tiv, das Uner­hörte wagend, das Noch-nie-Gehörte hören lassend. Und: ein Impuls­ge­ber in unser­er Zeit, die sich in einem Umbruch wäh­nt. Dem „Freigeist Mozart“ fol­gte das Mozart­fest Würzburg in diesem Jahr pro­gram­ma­tisch in beson­der­er Weise. In der ersten Sai­son nach dem 100. Fes­ti­val-Geburt­stag stellte das Team um Inten­dan­tin Eve­lyn Mein­ing die Zeichen bewusst auf Anfang. „Es geht darum, Zugänge zur klas­sis­chen Musik neu zu sehen und anzu­bi­eten“, so Mein­ing im Inter­view. Es gelte, die Gesellschaft, die ger­ade als „sehr verän­dert“ wahrzunehmen sei, in den Blick zu nehmen, sich zu öff­nen, Brück­en zu bauen. Und wie könne Let­zteres bess­er erfol­gen als über die uni­verselle Sprache der Musik?!
Und so stellte das Mozart­fest 2022 Wolf­gang Amadé Mozart (1756–1791) nicht allein ins Schaufen­ster, son­dern machte Fen­ster und Türen im konkreten wie im über­tra­ge­nen Sinne weit auf. So kon­nten etwa im „M Pop Up / Raum für Mozart“ – einem außer­halb des Mozart­fests leer­ste­hen­den Laden­lokal – Men­schen „ein­fach so“ mit­mu­sizieren; zugle­ich war hier ein Ort fürs Denken über den Tag hin­aus: „Wie wer­den wir gelebt haben wollen?“, mut­maßten der Sozi­ologe Har­ald Welz­er und die Pianistin Han­ni Liang, inklu­sive des Ver­suchs, Visio­nen musikalisch umzuset­zen. Im Kul­tur- und Kreativzen­trum Bürg­er­bräu gestal­tete das Orch­ester im Trep­pen­haus ein dre­itägiges „Freispiel“ – u. a. mit dem For­mat „Dis­co“, das Neue Musik tanzbar macht. Und es wurde getanzt!
Im Exerz­i­tien­haus Him­mel­sp­forten befragten Stipen­di­atin­nen und Stipen­di­at­en die musikalis­che Gegen­wart the­o­retisch und prak­tisch: Im „Mozart­La­bor“ verdichtete sich das Erforschen des Alten im Neuen und des Neuen im Alten, nicht nur, aber auch unter der Ägide von Isabel Mundry, die mit gle­ich vier Urauf­führun­gen beim Mozart­fest vertreten war. Ihr Ansatz, nicht nur die eine, eigene Musikgeschichte zu reflek­tieren, son­dern auch die ander­er Kul­turen, wirk­te enorm prä­gend. Im Pod­cast „Des Pudels Kern“ kamen Geigerin Car­olin Wid­mann und Street­work­er Burak Caniperk ins Gespräch über Hal­tung. Das sei viel mehr als eine Momen­tauf­nahme gewe­sen, so Eve­lyn Mein­ing. „Die bei­den wollen im Kon­takt miteinan­der bleiben, einan­der unter­stützen.“ Etliche der neu aufgenom­menen Fäden sollen in den näch­sten Jahren
weit­erge­spon­nen wer­den. Vieles könne sich nach­haltig ent­fal­ten, so die Inten­dan­tin. Was auch dem „audi­ence devel­op­ment“ dienen soll, dem Auf­tun neuer Besucherkreise auf der Basis eines Stamm­pub­likums. „Das alles ist das Mozart­fest“, sagt Eve­lyn Mein­ing. „Aus­gangs- und Zielpunkt bleibt Mozart. Die Wege aber dahin wer­den wir neu beschreiten.“
Wie das gehen kann, zeigte sich auch mit dem Konz­ert des Phil­har­monis­chen Orch­esters Würzburg unter der Leitung von Enri­co Calesso. Denn hier fügte sich das Neue, näm­lich Anno Schreiers Sin­fo­nia amorosa e gio­cosa, zum längst Bekan­nten, kon­nten sich Mendelssohn Bartholdys Konz­ert für Vio­line und Orch­ester e‑Moll op. 64 und Mozarts Sin­fonie Nr. 36 C‑Dur KV 425 „Linz­er“ im Licht des zeit­genös­sis­chen Werks spiegeln, waren Bezüge offen­sichtlich; es kon­nte aber auch das Eine neben dem Anderen stehen.
Eigentlich hat­te Schreiers Sin­fonie schon im vorigen Jahr beim Mozart­fest uraufge­führt wer­den sollen. In Auf­trag gegeben „in ein­er anderen Welt“, wie der Kom­pon­ist im Geprächt sagte, und konzip­iert auch mit dem Ansin­nen, durch Konz­erte ver­schiedene Mozart-Städte miteinan­der zu verbinden; wie Brüs­sel, wo das Werk im Juni 2021 uraufge­führt wer­den kon­nte. In Würzburg war eine Auf­führung damals pandemie­bedingt nicht möglich. Aber jet­zt – und mit enormem Erfolg. Begeis­tert war die Reak­tion des Pub­likums auf die dreisätzige Sin­fonie, in der Schreier das Ambiva­lente des Mozart’schen Schaf­fens zeigt: das Heit­ere, Spielerische, das Lei­den­schaftliche, aber auch das mitunter Abgründi­ge. Diesen Kon­trast von hell und dunkel lotet er durch­weg aus; es geht ihm um eine Bal­ance, die nur sekun­den­weise trägt, um sich gle­ich wieder zu ver­schieben und neu zu find­en. Pop­musik-artige Ele­mente, „tricky“ ver­set­zte Rhyth­men ent­fachen im drit­ten Satz einen Sog, dem so leicht sich zu entziehen kaum möglich ist.
Eine Vier­tel­stunde lang ist das Stück, bei dem sich Schreier an Mozarts frühen Sin­fonien ori­en­tiert hat. Darin sei bere­its alles enthal­ten, was Mozarts Œuvre aus­mache, sagt er. Beson­ders schön: wie sich die ganze Far­bigkeit des Orch­esters im ersten Satz zeigt und wie kristallin diese musikalis­che Erzäh­lung zumal im zweit­en Satz daherkommt. Seine Sin­fonie stelle die Begleit­fig­uren in den Vorder­grund, sie sei „wie eine Oper ohne Sänger“, so Schreier. Stim­mig, set­zt er doch ger­ade im Musik­the­ater-Fach starke Akzente. So ste­ht am Staat­sthe­ater Nürn­berg am 26. Novem­ber die Pre­miere sein­er neuen Oper Tur­ing an. Darin geht es um die tragis­che Geschichte des Com­put­er-Pio­niers Alan Turing.