Davies, Peter Maxwell

Oboe Quartet

Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, London 2013
erschienen in: das Orchester 11/2014 , Seite 69

Der 80-jährige noch äußerst pro­duk­tive englis­che Kom­pon­ist Peter Maxwell Davies lebt heute auf der Orkney-Insel Hoy. In seinem über 300 Kom­po­si­tio­nen umfassenden Werkkat­a­log find­en sich ins­beson­dere groß­for­matige und stilis­tisch viel­seit­ige Orch­ester- und Chor­w­erke. In den jüng­sten Jahren wandte sich der Brite, der am Roy­al Man­ches­ter Col­lege of Music sowie bei Gof­fre­do Petrassi und Mil­ton Bab­bitt studiert hat, inten­siv­er der Kam­mer­musik zu. Seine Zusam­me­nar­beit mit Har­ry Birtwistle führte ihn im Ensem­ble „Fires of Lon­don“ ver­stärkt zur Musik der Avant­garde.
Sein ein­sätziges Oboen-Quar­tett ent­stand im Som­mer 2012 in Ital­ien als Auf­tragswerk für das St. Mag­nus Inter­na­tion­al Fes­ti­val 2013 und das Hebrides Ensem­ble zum 60. Geburt­stag des Kom­pon­is­ten und Diri­gen­ten Oliv­er Knussen.
Wie in vie­len anderen Werken greift Maxwell Davies als kom­pos­i­torisches Mate­r­i­al auf Gegebenes zurück. Es ist das gre­go­ri­an­is­che Allelu­ja vom Karsam­stag der Oster­woche, das die Vio­la in Begleitung des Vio­lon­cel­los eröff­nend intoniert. Maxwell Davies schält aus der ametrischen Melodie ein rhyth­mis­ches Motiv her­aus, das in nahezu jedem Takt der Intro­duk­tion erklingt und dem zarten Stim­menge­flecht bis zum Ein­satz der Oboe etwas Halt ver­lei­ht. Melodisch wird das Geschehen von der häu­fig wiederkehren­den bzw. transponierten Ton­folge ges-as‑b mit anschließen­der Erweiterung um h‑gis geprägt, die auch den sich nach 20 Tak­ten in höch­ster Lage ein­schle­ichen­den Oboenein­satz begleit­et. In den fol­gen­den Abschnit­ten wird das Tem­po vor­angetrieben, eine durchge­hende Sechzehn­tel­be­we­gung führt zusam­men mit einem Tri­tonus-Motiv im Scotch-Snap-Rhyth­mus (kurze betonte Note, gefol­gt von ein­er lan­gen), das vom Vio­lon­cel­lo mit aggres­sivem Aus­druck zu spie­len ist und dessen Par­tie über weite Streck­en dominiert, zu ein­er Verdich­tung und die Musik wen­det sich zum Drama­tis­chen hin. Nach der ersten Steigerungsphase fol­gt eine plöt­zliche Rück­wen­dung des Stre­ichtrios zum Anfang. Mit dem fol­gen­den Ein­satz der Oboe tritt erst­mals die Vir­tu­osität in den Vorder­grund, während mit inten­sivem Akko­rd­spiel und „bru­tal­en“ Akzent­tö­nen der Stre­ich­er das poly­fone Stim­mge­flecht kurzfristig aufgegeben wird, ehe sich die Stre­ich­er unter Begleitung ein­er lan­gen Oboen-Triller­kette diesem wieder zuwen­den. In weit­eren Teilen gelingt es Maxwell Davies, das Mate­r­i­al unter neuen Per­spek­tiv­en und in vielfältiger Kom­bi­na­tion auszubre­it­en, so in ein­er von flir­ren­den Akko­r­drep­e­ti­tio­nen begleit­eten come una fan­tas­ma-Vio­lon­cel­lo-Melodie. Mehr über­raschend als zwin­gend kommt das Quar­tett mit einem choralar­ti­gen tremolieren­den Akko­rd­satz und qua­si entschweben­der Oboe zum Schluss.
Maxwell Davies’ sowohl lyrisch reflek­tieren­des als auch drama­tisch forsches fre­itonales Oboen­quar­tett kommt ohne klan­gliche Ver­frem­dung aus. Der über­wiegend kantable Oboen­part erfordert eben­so wie das Stre­ichtrio wegen der per­ma­nen­ten Tak­twech­sel und der rhyth­misch dif­fizilen Gestal­tung gut aufeinan­der einge­spielte, ver­sierte Inter­pre­ten. Das Noten­ma­te­r­i­al ist sehr gut les­bar und die Stim­men sind sehr groß-
zügig mit per­fek­ten Wen­destellen angelegt.
Herib­ert Haase