© Kerstin Siegrist

Ute Grundmann

Nur organisieren oder auch gestalten?

Nicht immer stimmt die Leitungsstruktur der Orchester mit den tatsächlichen Arbeitsbedingungen überein

Rubrik: Thema
erschienen in: das Orchester 02/2022 , Seite 10

Ist die Spitzenstellung des GMD noch zeitgemäß oder sollen Orchesterdirektoren ihnen gleichgestellt sein? Helfen Regeln und Absprachen, um Konflikte zu vermeiden? Diese Fragen bewegen nicht nur die Musiker, sondern auch deren Gremien. Versuch einer Bestandsaufnahme.

Macht­wort oder Tea­mentschei­dung? Auch kün­st­lerische Kom­pe­ten­zen oder nur admin­is­tra­tive? Die Zusam­me­nar­beit von Gen­eral­musikdi­rek­tor (GMD) und Orch­ester­man­ag­er ist kom­pliziert und vor allem ziem­lich ungeregelt. Das Prob­lem begin­nt schon damit, dass es ver­schiedene Berufs­beze­ich­nun­gen (und damit Arbeitsin­halte) gibt: Direk­tor, Geschäfts­führer, Inspek­tor kann der­jenige heißen, der das Musik­erkollek­tiv „am Laufen“ hält.
„Wir ver­wen­den als Ober­be­griff die Beze­ich­nung Orch­ester­man­ag­er. Manche nen­nen sich auch so. Darunter ver­ste­hen sich aber auch die Orch­es­ter­di­rek­toren, Geschäfts­führer und Orch­es­ter­in­ten­dat­en“, erk­lärt Cor­nelius Grube, Vor­sitzen­der des Orch­ester­auss­chuss­es des Deutschen Büh­nen­vere­ins und Inten­dant der Würt­tem­ber­gis­chen Phil­har­monie Reut­lin­gen. Er ken­nt die Knack­punk­te in der Ausübung dieses Berufs aus eigen­er Anschau­ung, zudem sind sie wiederkehren­des The­ma im Orch­ester­auss­chuss. „Wir im Auss­chuss haben uns vor fünf Jahren zum ersten Mal damit auseinan­derge­set­zt, haben 2016/17 eine Umfrage gemacht, wie es um die Stel­lung, die Kom­pe­ten­zen und das Ver­hält­nis zwis­chen GMD und Orch­ester­man­ag­er ste­ht. Damit hat sich bestätigt, wie kom­pliziert und dif­feren­ziert dieses Ver­hält­nis ist, auch weil es so viele ver­schiedene Orch­ester gibt: Theater‑, Rundfunk‑, Konz­er­torch­ester. Und über­all sind Pro­fil und Kom­pe­ten­zen anders geregelt, da ist es nicht leicht, eine all­ge­mein verbindliche Lösung zu finden.“
Genau diese Vielfalt und Dif­feren­zierung aber fehlt Mar­cus Bosch schon in der Fragestel­lung. Der Vor­sitzende der GMD-Kon­ferenz und Chefdiri­gent der Nord­deutschen Phil­har­monie Ros­tock: „Grund­sät­zlich muss man mit einem Missver­ständ­nis aufräu­men. Die Per­spek­tive, aus der diese Fra­gen gestellt sind, bet­rifft vielle­icht die ganz großen Orchester.
An kleinen und mit­tleren Häusern ist die Real­ität eine andere: Da hat der GMD die kün­st­lerische Ver­ant­wor­tung – etwa für das Engage­ment von Solis­ten –, aber auch die betriebliche und finanzielle Ver­ant­wor­tung. Der Orch­es­ter­di­rek­tor ist meist seine rechte Hand, aber die let­z­tendliche Ver­ant­wor­tung hat der GMD. Die Kon­stel­la­tion im Orch­ester ist so, dass der GMD die Entschei­dun­gen trifft und seine rechte Hand vir­tu­os und zugeneigt damit umge­ht. Die Diskus­sion darum ist an dieser Stelle auf ganz wenige Häuser beschränkt.“

Teamarbeit als Lösung?

Mann/Frau am Pult first also – die Fach­lit­er­atur sieht das nicht ganz so eindeutig.1 Sie definiert den GMD natür­lich als „ober­sten kün­st­lerischen Leit­er eines Musik­the­aters oder Orch­esters“, während der Orch­es­ter­di­rek­tor „heute in der Regel der ver­ant­wortliche Leit­er des gesamten Orch­ester­be­triebs in einem mit­tleren bis großen Opern­haus“ ist, „auch bei großen Konz­ert- und bei Rund­funko­rch­estern gibt es diese Leitungs­funk­tion“. Neben Spiel‑, Konz­ert- und Dien­st­plä­nen, Arbeits- und Tar­ifrecht, Gast­spiel und Reise­be­trieb weist die Lit­er­atur dem Orch­es­ter­di­rek­tor aber auch maßge­bliche kün­st­lerische und per­son­elle Leitungsauf­gaben zu. Das hänge im Einzelfall von Organ­i­sa­tion­s­plan und Ver­trag ab.
Wichtig ist Mar­cus Bosch, „dass der GMD ein gutes Team hat, das natür­lich Vorschläge macht und Teil des kün­st­lerischen Prozess­es ist. Wenn der Orch­es­ter­di­rek­tor entsprechende Erfahrun­gen und Kon­tak­te im kün­st­lerischen Bere­ich hat, ist es natür­lich sin­nvoll, diese einzubrin­gen und zu nutzen.“
Inter­es­sant und span­nungsvoll sind aber die starken Unter­schiede in Stel­lenbeschrei­bun­gen und Verträ­gen, die für den GMD ein­er­seits und den Orch­ester­man­ag­er ander­er­seits gel­ten. Der GMD-Ver­trag2 begin­nt mit dem „Titel des ‚Gen­eral­musikdi­rek­tors‘“, gefol­gt von Entschei­dungs- und Abschlusskom­pe­tenz, erst dann fol­gen dessen Auf­gaben, Kom­pe­ten­zen und Pflicht­en. Außer­dem hat der GMD meist einen „freien Arbeitsver­trag“, in dem sich Bes­tim­mungen des Tar­ifver­trags NV Bühne oder ander­er Tar­ifvor­gaben sel­ten wiederfind­en. Er wird auch nicht den abhängig beschäftigten Arbeit­nehmern zugerech­net; Stre­it­igkeit­en gehören vor ein Zivil‑, nicht Arbeits­gericht. Wenn aber das erhoffte Arbeit­en auf Basis eines regelmäßi­gen Dialogs nicht gelingt, ste­hen sich im Zweifels- und Stre­it­fall ein nicht abhängig und ein sehr abhängig beschäftigter Stel­len­in­hab­er gegenüber.
Für Cor­nelius Grube ist deshalb klar und wichtig, dass „jedes Haus für sich entschei­det und entschei­den muss, wie es die Kom­pe­ten­zen und das Ver­hält­nis zwis­chen GMD und Orch­ester­man­ag­er gestal­ten und regeln will. Dafür benötigt es ein klares Stel­len­pro­fil, und zwar sowohl für den Orch­ester­man­ag­er als auch für den GMD. Eini­gen Orch­estern reicht es, dass der Man­ag­er die Dien­ste zählt und die Organ­i­sa­tion leis­tet. Andere, ger­ade die Rund­funko­rch­ester, aber auch einige The­aterorch­ester räu­men dem Man­ag­er sehr hohen Stel­len­wert ein, geben ihm Kom­pe­ten­zen bis hinein ins Künstlerische.“


1 Ger­ald Mertens: Orch­ester­man­age­ment, Wies­baden 2018.

2 Alexan­der Unverzagt/Gereon Röckrath/Renate Damm: Kul­tur & Recht. Prax­is­hand­buch für Kün­stler und Kul­tur­man­ag­er, Stuttgart 2014.

 

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