Werke von Omar Massa und Astor Piazzolla

Nuevo Tango Concertos

Omar Massa (Bandoneon), Berliner Symphoniker, Ltg. Mark Laycock

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Solo Musica
erschienen in: das Orchester 04/2022 , Seite 77

In Omar Mas­sas Con­cer­to for Ban­do­neon and Cham­ber Orches­tra Buenos Aires-Berlin ver­bre­it­et schon der erste Satz „Pro­logue & Tan­go“ eine bewe­gende expres­sive Grund­stim­mung, die gle­ich zu Beginn in eine eigene Klang­welt führt. Die für den Tan­go charak­ter­is­tis­che melan­cholis­che Melodieführung des Ban­do­neons, oft mit unver­hofft auftre­tenden explo­sion­shaft-schar­fen Akzen­tu­ierun­gen, wech­selt sich in natür­lich­er Weise ohne jede Effek­thascherei ab mit impres­sion­is­tis­chen Far­bge­bun­gen des Orch­esters unter rhyth­mis­ch­er Begleitung des Klaviers. Zudem bleiben selb­st in ruhigeren Pas­sagen rhyth­mis­che Grun­dele­mente des Tan­gos weit­er spür­bar, ja auch dann, wenn flim­mernde Klang­trauben der Stre­ich­er, unter­malt von tief­sten osti­nat­en Basstö­nen, für eine frem­dar­tige und doch auch ver­traute Stim­mung sorgen.
Wohl auch auf­grund dieser Ambivalenz gelingt es Mas­sa schein­bar müh­e­los und natür­lich wirk­end, wesentliche Stilmit­tel des Tan­go Nue­vo in seine eigene authen­tis­che Klang­sprache zu inte­gri­eren und weit­erzuen­twick­eln, was vor allem in dem Stück Buenos Aires Res­o­nances deut­lich wird. Hier wer­den keine Klis­chees bedi­ent, vielmehr wer­den Geschicht­en und Sehn­süchte nach Fam­i­lie, Fre­un­den und sein­er Heimat­stadt Buenos Aires erzählt – mit viel Ein­füh­lungsver­mö­gen, vor allem auch durch das beglei­t­ende Orch­ester und seinen feinsin­ni­gen Diri­gen­ten Mark Lay­cock, die sich hier auf eine musikalis­che Ent­deck­ungsreise ein­ge­lassen haben und mit dem Ban­do­neon zu einem äußerst viel­seit­i­gen Ein­klang verschmelzen.
Im näch­sten Stück Negro Liso führt das Ban­do­neon in einem Solo mit ein­er kaden­zar­ti­gen Ein­leitung zum fol­gen­den Tan­go Lega­cy über, der mit Hil­fe piaz­zol­la-typ­is­ch­er musikalis­ch­er Ele­mente unüber­hör­bar an die Aus­druck­skraft des Tan­go Nue­vo anknüpft, gle­ichzeit­ig aber auch neue klan­gliche Stilele­mente mitein­bezieht, ver­bun­den mit einem stets klaren, stu­pend vir­tu­osen und natür­lich wirk­enden Ban­do­neon­spiel, das in keinem Moment den Ein­druck erweckt, es diene dem Selbstzweck.
Im auf nat­u­ral­is­tis­che Vor­la­gen beruhen­den Ban­do­neon-Con­cer­to Aconcagua (1979) von Piaz­zol­la zeigt Mas­sa dann, warum er in Fachkreisen als Piaz­zol­las Nach­fol­ger ange­se­hen wird – nicht nur als Kom­pon­ist, son­dern auch als Ban­do­neon­ist. Inter­es­sant ist nun, dass eben­falls 2021 eine bemerkenswerte Auf­nahme des­sel­ben Konz­erts mit dem Akko­rdeon­is­ten Niko­la Djoric erschien, wodurch sich ein Ver­gle­ich der bei­den Instru­menten­typen und Inter­pre­ta­tio­nen ger­adezu anbietet.
Es bleibt zu erwäh­nen, dass Mas­sa mit seinem von Piaz­zol­la stam­menden Ban­do­neon ohne Reg­istrierungsmöglichkeit­en auskommt und ihm den­noch eine Klangsinnlichkeit gelingt, die entschei­dend dazu beiträgt, die spiel­tech­nisch-musikalis­chen Per­spek­tiv­en des Instru­ments neu zu definieren. Schließlich ist auch die her­vor­ra­gende Bal­ance zwis­chen Ban­do­neon und Orch­ester unbe­d­ingt hervorzuheben.
Roma­ld Fischer