Bernd Feuchtner

Not, List und Lust

Schostakowitsch in seinem Jahrhundert

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Wolke, Hofheim
erschienen in: das Orchester 06/2018 , Seite 61

Bernd Feucht­ners große Schostakow­itsch-Mono­grafie hat seit dreißig Jahren den all­ge­meinen Blick auf diesen Kom­pon­is­ten hierzu­lande ähn­lich bedeu­tend verän­dert wie die deutsche Über­set­zung der soge­nan­nten Volkov-Mem­o­i­ren, die mit dem offiziellen Anschein des der Sow­jet-Ide­olo­gie treu ergebe­nen Staatskün­stlers Schostakow­itsch auf­räumten. Schostakow­itsch-Pub­li­ka­­tio­nen aus der DDR-Sphäre erschie­nen damit frag­würdig; gleicher­ma­ßen wider­sprach Feucht­ners Hal­tung dem musikol­o­gis­chen Main­stream im West­en, der, von Adorno- und Avant­garde-Verdik­ten geprägt, Schostakow­itschs Œuvre unter mate­ri­aläs­thetis­chen Prämis­sen für antiquiert erk­lärte und ger­ingschätzte.
Feucht­ner gehört gewiss zu den umfassend­sten deutschen Schostakow­itsch-Ken­nern, und so kön­nte man dankbar sein, dass er in gle­ich­er Sache nun „nach­legte“ und eine zweite Darstel­lung präsen­tiert. „Schostakow­itsch in seinem Jahrhun­dert“ – der Unter­ti­tel ver­spricht einen erweit­erten Rah­men, und tat­säch­lich wer­den, zusam­men mit der Haupt­fig­ur, wichtige Kom­pon­is­ten des 20. Jahrhun­derts porträtiert. Beson­ders Erhel­len­des sagt Feucht­ner dabei über Hin­demith, Eisler und Brit­ten; flüchtiger gestreift wer­den Prokof­jew und Straw­in­sky. Einge­hend gewürdigt wird die wichtig­ste Ref­erenz-Per­sön­lichkeit Gus­tav Mahler. Den Hut ziehen und zugle­ich ein wenig schmun­zeln kann man darüber, dass Feucht­ner, als Frank­furter der 1968er-Gen­er­a­tion unweiger­lich vom Adorno-Bazil­lus erfasst, sich über­pro­por­tion­al an der Ästhetik der Kri­tis­chen Theo­rie abar­beit­et, wäh­rend er anson­sten zu eher pauschalen philosophis­chen Schlenkern neigt. Sprach­lich herrscht in den Tex­ten oft eine gewisse Unbe­den­klichkeit – sie sind zwar frei von lästiger Fliegen­beinzäh­lerei, nicht aber von umgangssprach­lichen Fer­tigteilen und gele­gentlichen Plattheit­en (Vor­liebe für Wörter wie „qui­etschvergnügt“ und „pudel­wohl“).
Es gibt also einige Unwucht­en in diesem Band; reizvolle und weniger überzeu­gende. So hätte man ger­ne neben Schostakow­itsch ein Par­al­lel-Bild­nis des erst unlängst berühmt gewor­de­nen Kom­pon­is­ten­fre­un­des Mie­c­zyslaw Wein­berg vorge­fun­den – dieser Name fällt lei­der nur ganz periph­er. Eben­so ver­misst man einen Essay über „Schostakow­itsch und seine Schüler“ – er hätte, namentlich anhand der emi­nent religiös inspiri­erten Gali­na Ust­wols­kaja, die von Feucht­ner nur andeu­tend erwäh­nte Lib­er­al­ität des Kom­po­si­tion­slehrers erhärtet. Solche Leer­stellen deuten auf die Konzep­tion des Bänd­chens, mit der es sich Feucht­ner wohl doch etwas leicht machte, sodass man fast von ein­er halb ver­ta­nen Chance sprechen muss. Denn es han­delt sich aus­nahm­s­los um zusam­mengekehrte Gele­gen­heit­s­texte (Vorträge, Rund­funksendun­gen, auch ein Film­ex­posé); selb­st eine aus­führliche aktuelle Ein­führung schenkt sich der Autor. Geschweige, dass er sich zu neuen eige­nen Forschun­gen ver­standen hätte – etwa ein­er empirischen Unter­suchung über die deutschen Schostakow­itsch-Auf­führungs­fre­quen­zen seit 1945 samt ihren Moti­vationen und Hin­ter­grün­den. Hof­fen wir darauf, dass er all das noch nach­holt – in einem wom­öglich drit­ten Schostakow­itsch-Stre­ich.
Hans-Klaus Junghein­rich