Henri Bertini

Nonetto op. 107/Grand Trio op. 43

Linos Ensemble

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: cpo
erschienen in: das Orchester 03/2022 , Seite 75

Hen­ri Berti­nis Nonett ist ganz sich­er eine sein­er ungewöhn­lich­sten Kom­po­si­tio­nen. Und zumin­d­est die Beset­zung dürfte auch so ziem­lich einzi­gar­tig in der Welt der Kam­mer­musik sein – sofern man über­haupt von Kam­mer­musik sprechen will. Das Barock hätte hier ver­mut­lich den Begriff Ser­e­nade ver­wen­det, und im 20. Jahrhun­dert hätte die Beze­ich­nung Kam­mersin­fonie ganz gute Dien­ste geleistet.
Fast sin­fonisch ist die Beset­zung, die zum all­ge­meinen Erstaunen sich­er auch der Zeitgenossen des Kom­pon­is­ten wed­er eine Vio­line noch eine Klar­inette vor­sieht. In Rich­tung der größeren Form weist aber auch das Miteinan­der von Klavier, Stre­ich­ern und Bläsern. Im Gegen­satz zur Erwartung­shal­tung manch eines Zuhör­ers, dem der Name Hen­ri Berti­ni vielle­icht nur im Zusam­men­hang mit Etü­den und Prälu­di­en geläu­fig ist, möchte sein Opus 107 kein Klavierkonz­ert im Salon-For­mat sein.
Die orches­tral anmu­tende Beset­zung mit zwei Blech­bläsern (Horn und Trompete) und bass­lastiger Stre­icher­gruppe (Vio­la, Vio­lon­cel­lo und Kon­tra­bass) bedarf der feinen Abstim­mung, damit Berti­nis wohl-pro­por­tion­ierte musikalis­che Struk­turen nicht erdrückt wer­den. Das Linos Ensem­ble bekommt das exzel­lent hin, und ver­mut­lich hil­ft die wie immer sehr saubere Ton­tech­nik von cpo auch ein biss­chen mit, das Blech im Zaum zu halten.
Die neun Musik­erin­nen und Musik­er um die Pianistin Kon­stanze Eick­horst entwick­eln ein in den schnellen Sätzen sehr flüs­siges und motorisch nicht überze­ich­nen­des Nonett, das im „La Melan­col­ie“ über­schriebe­nen langsamen Satz nach­den­klich innehält und sich sehr ern­sthaft weg­be­wegt von der Nähe zum Salon, die die übri­gen Abschnitte nicht immer ganz ver­leug­nen kön­nen. Das Linos Ensem­ble bringt diesem Nonett viel Ern­sthaftigkeit ent­ge­gen und ver­mag durch abso­lut tadel­lose instru­men­tale Lin­ien und Far­ben zu überzeu­gen. Alles ist gut aufeinan­der abges­timmt und die ver­schiede­nen Stim­men greifen entspan­nt und sou­verän ineinan­der. Dieser Berti­ni muss nicht durch Vir­tu­osität oder überze­ich­nete Akzente glänzen, er tut es durch eine blitzblank polierte Oberfläche.
Das Grand Trio op. 43 für die klas­sis­che Klavier­tri­obe­set­zung hat es trotz ähn­lich­er Länge nach dem großbe­set­zten Nonett auf dieser CD etwas schw­er. Zwar ist auch hier der gehobene Paris­er Salon an manchen Stellen nicht weit und dür­fen die drei Aus­führen­den auch ein­mal instru­men­tal bril­lieren, doch ver­misst man zwangsläu­fig die schö­nen Bläser­far­ben und die Dynamik des fast schon sin­fonis­chen Ensem­bles. Vielle­icht hätte man die Rei­hen­folge umdrehen kön­nen, um dem keineswegs leicht­gewichti­gen Grand Trio etwas mehr Nach­druck zu ermöglichen. Auch hier ist die Inter­pre­ta­tion des Linos Ensem­bles ein klares musikalis­ches Argu­ment für den Rossi­ni-Zeitgenossen Hen­ri Berti­ni, den man abseits sein­er Klavier-Übestücke ein­mal näher ken­nen­ler­nen sollte.
Daniel Knödler