Werke von Heinrich Ignaz Biber, Johann Sebastian Bach, Harald Haugaard und anderen

Nicht ganz allein

Ursula Sarnthein (Viola)

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Prospero
erschienen in: das Orchester 03/2022 , Seite 73

Während der Coro­na-Lock­downs fühlten sich viele Men­schen allein. Ursu­la Sarn­thein, Bratschistin im Ton­halle Orch­ester Zürich, ging es eben­so. Doch sie fühlte sich nicht ganz allein, hat­te sie doch ihre Vio­la – und die inspiri­erte sie zu der Idee, eine sehr per­sön­liche CD einzus­pie­len, auf der sie Musik präsen­tiert, die sie liebt und zu der sie einen per­sön­lichen Bezug hat: So ent­stand ein Pro­gramm, das von Hein­rich Ignaz Bibers Pas­sacaglia aus den Rosenkranz-Sonat­en und Bachs Cha­conne über dänis­che Volksmusik (Sarn­thein hat in Däne­mark studiert) und Schweiz­er Volksmusik (Musik aus ihrer Wahlheimat), Franz Anton Hoffmeis­ters Etüde Nr. 5 (als Attrib­ut an ihre Klas­sik­liebe) und rumänis­che Folk­lore (als Hom­mage an ihren Kol­le­gen, den Bratschis­ten und Kom­pon­is­ten Mar­ius Ungure­anu) bis hin zu ihrer Neuent­deck­ung des Schweiz­er Kom­pon­is­ten Armin Schi­bler reicht.
Wirkt das nicht allzu bunt zusam­mengewür­felt? Nein, diese Pro­gram­mvielfalt ist eine Bere­icherung, da sie mit dem Bratschen­klang als Kon­stante das Ohr öffnet. Sarn­thein hat ihr Pro­gramm in ein­er klu­gen Dra­maturgie ange­ord­net: Die Musik­folge führt vom frühen Barock bis in die Mod­erne mit ihrer großen Expres­siv­ität, durch welche Sarn­thein mit rumänis­ch­er Musik, bei Pen­dereck­is Tanz und in Schi­blers Kleinem Konz­ert den Hör­er ein­drucksvoll fesselt.
Dass „alte“ Musik nicht muse­al ist, zeigt sie, indem sie den Kom­po­si­tio­nen von Biber, Bach und Hoffmeis­ter tra­di­tionelle Musik dänis­ch­er Fidler und Schweiz­er Alpen­musikan­ten bei­seitestellt, die dur­chaus viele Gemein­samkeit­en mit den Motiv­en und Spielfig­uren der kom­ponierten Musik hat.
Dieses außergewöhn­liche Pro­gramm wäre nicht überzeu­gend, wenn die einzel­nen Stücke nicht so dif­feren­ziert gespielt wür­den. Man hört Sarn­theins Musizieren an, dass sie sich mit his­torisch­er Auf­füh-rung­sprax­is beschäftigt hat. Mit großem stilis­tis­chen Ein­füh­lungs-ver­mö­gen entwick­elt sie für die so unter­schiedlichen Kom­po­si­tio­nen jew­eils eine überzeu­gende Artiku­la­tion und Tonge­bung. Ihr gelingt es, das Beson­dere und Ein­ma­lige auf den Punkt zu brin­gen, sodass der Hör­er ges­pan­nt lauscht.
Ursprünglich war Ursu­la Sarn­thein Geigerin. Das hört man im pos­i­tiv­en Sinn ihrem Bratschen­spiel an, das leicht­füßig und ele­gant wirkt. Ihre Bogen­führung ist dif­feren­ziert. Kein Ton klingt wie der andere und wenn sie län­gere Töne spielt, schat­tiert sie das Tim­bre. Ihr Spiel, obwohl sehr vir­tu­os, kehrt nie das Tech­nis­che in den Vorder­grund. Da sie die Töne einan­der unterord­net und Motive klar voneinan­der tren­nt, atmet ihr Musizieren eine innere Ruhe. Selb­st sehr schnelle Pas­sagen wirken nie gehet­zt. Vielmehr gibt Sarn­thein dem Hör­er Zeit, jeden Ton, jedes Motiv wirken zu lassen.
So ist ihr Musizieren ein inten­sives Zwiege­spräch mit der Bratsche, mit dem Hör­er und ein­mal sog­ar mit ein­er weit­eren Musik­erin: In Mar­ius Ungure­anus’ Can­tec de dor spielt Elis­a­beth Har­ringer die zweite Viola.
Franzpeter Messmer