Wolfgang Amadeus Mozart

New Mozart

Violinkonzert KV 268/Sinfonia concertante nach der Serenade KV 361 (arr. Franz Gleißner). Mirijam Contzen (Violine). Mozarteumorchester Salzburg, Ltg. Reinhard Goebel

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Sony Classical
erschienen in: das Orchester 03/2022 , Seite 72

Unser Konzertleben ist stark auf bekan­nte Namen fix­iert. Das ein­deutig ein­er bes­timmten Per­son zuzuord­nende Werk in sein­er durch den Noten­druck fest umris­se­nen Gestalt dominiert den Betrieb, während Zweifel­haftes und in bes­timmten Aspek­ten Verän­dertes oft genug außen vor bleiben.
Das Vio­linkonz­ert Es-Dur KV 268, nach Mozarts Tod zunächst als nachge­lassene Kom­po­si­tion ange­priesen, ist ein lehrre­ich­es Beispiel hier­für: Dass die Echtheit des Werks bere­its an der Wende zum 19. Jahrhun­dert angezweifelt wurde und der tat­säch­liche Urhe­ber bis heute nicht aus­gemacht wer­den kon­nte – gele­gentlich wurde dies bezüglich der Name des Geigers Friedrich Johannes Eck (1767–1838) ins Spiel gebracht –, ändert nichts daran, dass es sich um eine beachtliche Kom­po­si­tion handelt.
Auf­grund des häu­fi­gen Ein­satzes von Dop­pel­grif­f­en in den Kopf­satzthe­men und Ansätzen zu poly­fon­er Lin­ien­führung set­zt sich der Vio­lin­part deut­lich von der Idiomatik der Mozart’schen Schreib­weise ab, macht aber ger­ade deshalb das Stück auch zu ein­er span­nen­den, vio­lin­tech­nis­chen Her­aus­forderung. Josef Suk nahm es in den 1970er Jahren zusam­men mit dem unter KV 271a veröf­fentlicht­en Konz­ert noch in seine Gesamtein­spielung von Mozarts Konz­erten auf, doch danach ist es still darum geworden.
Mir­i­jam Con­tzen, nach Auf­nah­men u. a. mit den Vio­linkonz­erten Mo-zarts (2014) und Franz Clements (2020) erneut vom Diri­gen­ten Rein­hard Goebel und dessen Exper­tise in his­torisch informiert­er Auf­führung­sprax­is unter­stützt, packt die Kom­po­si­tion mit der ihr eige­nen Mis­chung aus ener­gis­chem Spiel und Kantabil­ität sowie mit klan­glich reich abgestuftem Zugriff auf Pas­sagen­werk und Artiku­la­tio­nen an. Die Sicher­heit im Vor­trag beein­druckt eben­so wie die klangvolle Gestal­tung kantabler Abschnitte etwa des Mit­tel­satzes oder der in gle­ichem Maße präzise wie zarte Zugang zu den dif­ferieren­den musikalis­chen Charak­teren des Rondo-Finales.
Als Bere­icherung erweist sich auch die Orch­ester­bear­beitung der „Gran Par­ti­ta“ KV 361 durch den Mozart-Zeitgenossen Franz Gleißn­er (1761–1818): Indem er der bekan­nten Bläserser­e­nade sin­fonis­che Aus­maße ver­lei­ht und einem von Stre­ich­ern dominierten orches­tralen Klangkör­p­er die über weite Streck­en hin­weg in solis­tis­ch­er Manier einge­set­zten Klang­far­ben der Bläs­er gegenüber­stellt, ver­lei­ht Gleißn­er den for­malen Dra­maturgien der sieben Sätze unge­wohnte Akzente und gestal­tet sie – die Beze­ich­nung „Sin­fo­nia con­cer­tante“ deutet es an – zum Miteinan­der konz­ertieren­der Grup­pen um.
Rein­hard Goebel gibt sich viel Mühe, die Kon­traste her­auszuar­beit­en, was ihm beispiel­sweise inner­halb des Kopf­satzes oder in den bei­den Menuet­ten her­vor­ra­gend gelingt. Demge­genüber fehlt es dem an drit­ter Stelle ste­hen­den Ada­gio etwas an Ruhe, weshalb sich die klan­glichen Details hier nicht so recht ent­fal­ten können.
Ste­fan Drees