Werke von Edgar Varèse und Ludwig van Beethoven

Neue Wege

Junge Deutsche Philharmonie, Ltg. Jonathan Nott

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: Ensemble Modern Medien/Edel
erschienen in: das Orchester 02/2018 , Seite 71

Bekan­nter­maßen kam es bei der Urauf­führung am 2. Dezem­ber 1954 im Théâtre des Champs-Élysées Paris zum laut­starken Skan­dal. Begeis­terung ent­fes­selte dage­gen die Auf­führung von Edgar Varès­es Déserts durch die Junge Deutsche Phil­har­monie. Der anstren­gende Part der vierzehn Stre­ichin­stru­mente, eines Klaviers und von 47 Schlag­w­erkzeu­gen für fünf Spiel­er ist bei den jun­gen Spitzen­musik­ern in den richti­gen Hän­den.
Doch die Aufze­ich­nung hat vor allem doku­men­tarischen Wert: Die elek­tro­n­is­che Wieder­gabe über­flutet die Instru­men­tal­sätze und das Pub­likum in der nicht ausverkauften Phil­har­monie von allen Seit­en. Farb­skalen von Weiß und am Ende in Ultra­marin wirken wie ein Teil der Par­ti­tur. Varèse teilte den Musik­ern Hal­tetöne, Klänge und Flächen zu. Die akustis­chen Bewe­gun­gen im Raum sind eben­so das innere The­ma von Déserts wie die elek­tro­n­is­chen Zus­pielun­gen in ihren flächen­haften Fortschre­itun­gen.
Die Pro­duk­tion dieser DVD ist durch das erste Werk dieses Konz­erts aus der Berlin­er Phil­har­monie von Sep­tem­ber 2016 vol­lauf legit­imiert. Denn neben dem umfan­gre­ichen elek­tro­n­is­chen Sound-Envi­ron­ment spielt auch das Licht eine bedeu­tende Rolle. Varèse nan­nte die Zus­pielun­gen zwis­chen den Teilen für die Instru­men­tal­is­ten „son organ­isé“, um wer­tende, organ­isatorische oder tech­nis­che Begriffe zu ver­mei­den. Er wollte, dass alle Para­me­ter als Ein­heit ver­standen wer­den.
Jonathan Nott hat als Musikdi­rek­tor des Orchestre de la Suisse Romande und des Tokyo Sym­pho­ny Orches­tra viele Gele­gen­heit­en zur kün­st­lerischen Selb­stver­wirk­lichung. Bei seinen Auftrit­ten mit der Jun­gen Deutschen Phil­har­monie konzen­tri­ert er sich vor allem darauf, den Ensem­blegeist der jun­gen Per­sön­lichkeit­en zu stärken. Bei einem so bekan­nten und aus allen Per­spek­tiv­en erschlosse­nen Werk wie Lud­wig van Beethovens Eroica zeigt sich der meis­ter­hafte „Nicht-Charak­ter“ des Jun­gen Deutschen Phil­har­monie deut­lich: Alles ist per­fekt – Into­na­tion, Beach­tung von Inter­pre­ta­tion­sze­ichen und Dynamik sowie die Pro­por­tion der Instru­menten­grup­pen in der sagen­haften Akustik der Berlin­er Phil­har­monie.
Der durch­weg helle, bril­lante Klang find­et aber nicht ein­mal im Trauer­marsch zur hero­is­chen oder emo­tionalen Verdüsterung. Es wirkt fast so – der Hal­tung von Her­bert von Kara­jans klangfetis­chis­tis­chen Auf­nah­men nicht unähn­lich –, als suche die Wieder­gabe Dis­tanz zu Entste­hungs­be­din­gun­gen und Wirkungs­geschichte. Deshalb fehlt es an emo­tionaler Nähe, es fehlt am Aufeinan­der-Hören, das sich durch  Ver­trautheit verdichtet, und an der Erfahrung von Rei­bungsver­lus­ten durch Span­nungsab­fall in weniger fordern­den Kon­stel­la­tio­nen. Wie soll dies in den Arbeit­sphasen und bei der hohen Zahl der Wech­sel in den Stellen auch entste­hen?
Den­noch: Der Glanz und der vernehm­bare Ehrgeiz für das best­mögliche Resul­tat sind eine außergewöhn­liche Kon­stel­la­tion, durch die Pro­jek­te wie die Auf­führung von Varès­es Déserts oder die Auftritte mit der Tanz­com­pa­ny von Sasha Waltz den Reiz des Außer-ordentlichen gewin­nen.
Roland H. Dip­pel