Werke von Johann Sebastian Bach, Jorge Ben Jor, Udo Jürgens und anderen, arrang. von Willi März/Anton Hollich

Neue Wege“

Alexander Wurz (Tenorhorn), Salonorchester Baden-Baden

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Egoton EGO 1805
erschienen in: das Orchester 02/2019 , Seite 69

Die Titel­wahl der CD bezieht sich in erster Lin­ie auf die Funk­tion des Tenorhorns, das als führen­des Melodie- und vir­tu­os­es Soloin­stru­ment erprobt wird. Alexan­der Wurz ist zweifel­los der geeignete Musik­er für ein solch­es Vorhaben, die Gren­zen zwis­chen klas­sis­ch­er und Unter­hal­tungsmusik aufzuheben. Von Johann Sebas­t­ian Bachs Orgel­toc­ca­ta, Mendelssohns Auf den Flügeln des Gesangs bis zu Udo Jür­gens’ Was wichtig ist, bei dem der Solist sog­ar als aus­geze­ich­neter Sänger her­vor­tritt (Bonus­track, zum Ver­wech­seln ähn­lich mit Jür­gens), wird eine bre­ite Palette musikalis­ch­er Gen­res geboten, stets geze­ich­net von aus­ge­sprochen niveau­vollen Arrange­ments und teils witziger und über­raschen­der Instru­men­ta­tion. Das ermöglicht Spiel­freude in Klangge­bung und Zusam­men­spiel beim Orch­ester und bietet dem Solis­ten eine opti­male Ein­bet­tung.
Und was der hier zu bieten hat, ist erstaunlich und sehr hörenswert, denn neben der aus­ge­sprochen vir­tu­osen Leichtigkeit schwierig­ster Pas­sagen ver­fügt Wurz mit dem Tenorhorn auch über einen melodis­chen Schmelz und ein dynamis­ches Mod­el­lieren, die etwa in Theo Mackebens Bei dir war es immer so schön oder Manci­nis Moon Riv­er exem­plar­isch zum Aus­druck kom­men.
Bei solch hoher Spielkul­tur tritt das Schlagzeug dann doch gele­gentlich etwas banal lär­mend in den Vorder­grund, etwa in der Bear­beitung von Bachs Toc­ca­ta. Geschmei­di­ger erscheinen die exo­tisch perkus­siv­en Ein­sätze beim Sam­ba Amora­da von Waldyr Azeve­do oder die Kastag­netten in August Laras Grana­da und sor­gen für ein aus­geglich­enes Klang­bild.
Gespickt mit geschmack­vollen Ever­greens kann die CD auf ein hohes Maß an Wieder­erken­nungsef­fekt bauen, was der Wirkung des Soloin­stru­ments ent­ge­genkommt. Neben dem Tenorhorn spielt Wurz auch Po­saune und March­ing­bone und bringt die melodis­chen Stärken, ei­ne gewisse komis­che Behäbigkeit der Instru­mente im Aus­druck, die an burleske Tom und Jer­ry-Ver­to­nun­gen denken lässt, eben­falls gut her­vor.
Die im Book­let beschriebe­nen neuen Wege aber erschöpfen sich damit auch. Das Reper­toire wagt sich keineswegs weit­er hin­aus, als einen kon­sen­sualen Pub­likums­geschmack zu bedi­enen. Das schlägt sich zuwei­len auch auf die Inter­pre­ta­tio­nen nieder, da die Titel gele­gentlich allzu gen­remäßig daherkom­men. Mackebens schon erwähn­te schöne Schnul­ze gewin­nt, als Stan­dardtanz gespielt, eine zwar instru­men­tiert orig­inelle Fär­bung, expres­siv aber einen Aller­welts­ges­tus und ver­liert die ihm eher zuste­hende Intim­ität eines trauern­den Abschied­slieds. Das ist ver­mut­lich der Idee der ganzen CD geschuldet: Tiefe zu ver­mei­den und Ober­fläch­lichkeit zu kul­tivieren.
Dies gelingt in jed­er Beziehung auf höchst pro­fes­sioneller Ebene und ist sicher­lich auch der Sinn von Salon­musik, aber damit ist eben auch ein Muster bedi­ent, das schw­er­lich als ein neuer Weg benan­nt sein kann. Ein Titel aus dem Jazz (nicht ger­ade vom Schlage Moon Rivers) oder der gemäßigten neuen Musik hät­ten hier tat­säch­lich für eine neue Farbe gesorgt.
Stef­fen A. Schmidt