Erkki-Sven Tüür

Mythos

Estonian Festival Orchestra, Ltg. Paavo Järvi

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Alpha Classics Alpha 595
erschienen in: das Orchester 10/2020 , Seite 74

Der 1959 geborene est­nis­che Kom­pon­ist Erk­ki-Sven Tüür mag Extreme und meis­tert Syn­the­sen. Studiert hat er Schlagzeug und Flöte; Unter­richt in Kom­po­si­tion nahm er bei Jaan Rääts und Lepo Sumera. In Karl­sruhe beschäftigte er sich mit elek­tro­n­is­ch­er Musik, und Stu­di­en zur Alten Musik betrieb er auch. 1979 grün­dete Tüür das pro­gres­sive Rock-Ensem­ble „In Spe“, dem er bis 1983 als Flötist, Schlagzeuger und Sänger ange­hörte und für das er viele orig­inelle Stücke kom­poniert hat. Seit 1992 freiberu­flich tätig, schuf er zahlre­iche Auf­tragswerke für renom­mierte Solis­ten, Ensem­bles und Insti­tu­tio­nen. Sorgten zuvor Stücke für Rock­gruppe allein oder in Kom­bi­na­tion mit Män­ner­chor, Block­flöten, Cem­ba­lo oder Syn­the­siz­er für Auf­se­hen, so bracht­en ihm nun Sin­fonien sowie Orch­ester- und Kam­mer­musik­w­erke mit mod­er­nen Tech­niken, seriellen Struk­turen und viel­far­bigen Klän­gen Anerken­nung.
Die Sin­fonie Nr. 9 “Mythos” ent­stand im Auf­trag des Regierungs­büros von Est­land anlässlich des hun­dertjähri­gen Beste­hens der Repub- lik und wurde 2018 in Tallinn und in Brüs­sel vom Est­nis­chen Fes­ti­val-Orch­ester unter Paa­vo Järvi uraufge­führt. Tüür will in der Musik eine Welt erschaf­fen, deren Vielfalt und Kom­plex­ität auch ein Spiegel der realen ist. Aus­gangspunkt sein­er Suche nach nationaler Iden­tität sind unter anderem die Wasser­vo­gel-Mythen der finno-ugrischen Stämme. Und so begin­nt der lange, win­dungsre­iche und viel­strängige Fluss der Musik im Nichts, in ein­er dun­klen Wasser­fläche vor der Schöp­fung und führt am Ende zu hoff­nungsvollen Hor­i­zon­ten. Das „Ur-Meer“ der Geigen, Naturtöne als Keimzellen, Achsen­klänge als Entwick­lungspunk­te und Mikro- inter­valle als Unschär­fen sind das beze­ich­nende Mate­r­i­al der Kom­po­si­tion.
Doch deren Ver­lauf ist eben­so wenig eine Tondich­tung oder sin­fonis­che Erzäh­lung wie jen­er von “Sow the Wind …”, der auf ähn­lichen Klang­mustern, Trans­for­ma­tio­nen und anwach­sender Dynamik beruht. Das 2015 in Paris uraufge­führte Werk nimmt das Bibel­wort „Denn sie säen Wind und ern­ten Sturm“ zum Anlass, um mit sein­er Musik für die beun­ruhi­gen­den Prob- leme und irre­versiblen Prozesse zu sen­si­bil­isieren, die Fol­gen des rück­sicht­slosen men­schlichen Han­delns sind. Dabei wird das Orch­ester zu ein­er riesi­gen Mas­chine, die, vom Rock-Schlagzeug angetrieben, schließlich gegen eine unsicht­bare Wand prallt und ver­schwindet.
Ener­gisch und präg­nant präsen­tiert sich “The Incar­na­tion of Tem­pest”. Das „Encore-Stück“ wurde 2015 durch die Bam­berg­er Sym­phoniker uraufge­führt und hat sich sei­ther auch als wirkungsvolle Konz­ert-Ouvertüre bewährt
Für Tüür ist diese CD nicht nur wegen der Ein­spielun­gen durch das Est­nis­che Fes­ti­val-Orch­ester, ein inter­na­tion­al beset­zter Spitzen­klangkör­p­er, der sich als Botschafter in der Welt und als Brück­en­bauer in der Region ver­ste­ht, von beson­der­er Bedeu­tung. Sie ist es auch, „weil sie den 25. Jahrestag mein­er inten­siv­en kreativ­en Zusam­me­nar­beit mit Paa­vo darstellt – obwohl es eigentlich schon 40 Jahre her ist, dass wir als Schüler der Tallinner Musikhochschule Fre­unde wur­den.“

Eber­hard Kneipel