Ludger Vollmer

My love is as a fever

Streichquartett nach Sonetten von William Shakespeare, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott
erschienen in: das Orchester 10/2020 , Seite 68

Eine Auswahl von ins­ge­samt fünf Sonet­ten William Shake­spear­es, näm­lich Nr. 76, 10, 28 147 und 29, hat Ludger Vollmer (geboren 1961) seinem Stre­ichquar­tett “My love is as a fever” zugrun­degelegt – oder präzis­er: Der Kom­pon­ist hat sich von Form und Inhalt dieser Gedichte zu fünf Sätzen inspiri­eren lassen, deren Abfolge und Titel – „Auf­bruch“, „Kälte“, „Sehn­sucht“, „Lei­den­schaft“ und „Glück“ – den Ein­fluss der poet­is­chen Gebilde auf unter­schiedlichen Ebe­nen wider­spiegelt.
Der Anspruch hin­ter diesem Vorhaben sei es gewe­sen, so Vollmer in der kurzen Vorbe­merkung zur Par­ti­tur, „sowohl vom emo­tionalen Aus­druck als auch von den tech­nis­chen Anforderun­gen her“ ein Pen­dant zu Alban Bergs “Lyrisch­er Suite” zu schaf­fen“. Als Werkzeug hierzu habe ihm seine Kom­po­si­tion­stech­nik gedi­ent, deren spezielle Eige­narten sich der „Analyse und Trans­for­ma­tion außereu­ropäis­ch­er Musik und der Musik, die in Europa vor tausend Jahren prak­tiziert wurde“, ver­dank­ten.
Konkret geschieht dies dadurch, dass Vollmer seine melodis­chen und har­monis­chen Gestal­tungse­le­mente aus Modi ableit­et, die er ganz bes­timmten emo­tionalen Sit­u­a­tio­nen zuord­net. Der for­male Auf­bau der einzel­nen Werk­teile wiederum ergibt sich in den meis­ten Fällen – anhand der Sätze II bis V ist dies beim Blick in die Par­ti­tur klar erkennbar – in Kor­re­spon­denz mit der poet­is­chen Form der Sonette.
Resul­tat dieser Grund­satzentschei­dun­gen ist eine bewegliche, oft aus dem ver­flocht­e­nen Gegeneinan­der rhyth­misch par­al­lel geführter Stim­men­duette geformte Musik, die den Musik­ern einiges an Kön­nen abver­langt. In rhyth­mis­ch­er Hin­sicht ist das Ensem­ble stark gefordert, weil der musikalis­che Fluss mit seinen ständig wech­sel­nden Metren und Tem­poübergän­gen eine präzise koor­dinierte Aus­führung ver­langt.
Doch auch die Into­na­tion set­zt einiges an Spiel­prax­is voraus, da die Melodik voller engräu­miger chro­ma­tis­ch­er Ton­fortschre­itun­gen steckt und diese stel­len­weise auch in den Bere­ich der Mikroin­t­er­valle ver­schärft wer­den. Dass Vollmer mit all­dem vor­rangig auf die Her­stel­lung von Atmo­sphären und Stim­mungen zielt, also die Erleb- nis­di­men­sion seines Pub­likums im Blick hat, ist generell pos­i­tiv zu ver­merken, bleibt über die 32-minütige Spiel­d­auer von “My love is as a fever” allerd­ings nicht unprob­lema­tisch.
Eine gewisse Pen­e­tranz stellt sich näm­lich dadurch ein, dass die melodis­chen und rhyth­mis­chen Ein­fälle, obgle­ich per­ma­nent ihre Gestalt verän­dernd, immer wieder auf diesel­ben Ton­höhen- und Rhyth­muskon­stel­la­tio­nen zurück­führbar sind und sich zudem – ob zufäl­lig oder gewollt, sei hier dahingestellt – hin und wieder zu ein­er Phrase aus Rim­sky-Kor­sakows “Scheherazade” verdicht­en. Dass darüber hin­aus die Höhep­unk­t­gestal­tung der Sätze meist ähn­lich abläuft – ein Detail, das der for­malen Ori­en­tierung an Shake­spear­es Sonet­ten geschuldet sein kön­nte –, trägt zudem zu ein­er gewis­sen Über­raschungslosigkeit und Formel­haftigkeit des Stücks bei.

Ste­fan Drees