Tewinkel, Christiane

Muss ich das Programmheft lesen?

Zur popularwissenschaftlichen Darstellung von Musik seit 1945

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2016
erschienen in: das Orchester 12/2016 , Seite 56

Eine Habil­i­ta­tion­ss­chrift, also eine wis­senschaftliche Arbeit zur Erlan­gung ein­er Pro­fes­sur, als gewöhn­lich­es Buch her­auszugeben, ist ein gewagtes Unter­fan­gen, sind Inhalt und Sprache wis­senschaftlich­er Arbeit­en für den nor­malen Leser doch eher schw­er ver­dauliche Kost. Nicht so beim neuen Werk von Chris­tiane Tewinkel. Es kann sich als leicht über­ar­beit­ete Ver­sion ihrer Habil­i­ta­tion­ss­chrift aus dem Jahr 2013 dur­chaus sehen lassen.
Die pro­movierte Musik­wis­senschaft­lerin und Jour­nal­istin hat sich einem für den Konz­ert­be­trieb durch­aus rel­e­van­ten Sujet gewid­met: dem Pro­grammheft. An Beispie­len der Pro­grammhefte der Berlin­er und Münch­n­er Phil­har­moniker aus der Zeit zwis­chen 1945 und 2011 entwick­elt sie eine faszinierend facetten­re­iche Unter­suchung zur pop­ulär­wis­senschaftlichen Darstel­lung von Musik. Dass sich die Autorin dabei auf die Pro­grammhefte aus Berlin und München beschränkt hat, ist eben­so vernün­ftig wie vertret­bar. Andern­falls wäre die Mate­ri­alfülle völ­lig undurch­dringlich und der Ertrag mut­maßlich nicht größer gewe­sen.
Wie sind his­torisch Pro­gram­mzettel und ‑hefte eigentlich ent­standen? Warum wer­den über­haupt noch Pro­grammhefte ver­fasst? Wer sind die Redak­teure und Autoren, wer die Ziel­grup­pen? Wie haben sich Tex­tarten und Lay­out entwick­elt? Und wie ste­ht es ins­ge­samt um den Konz­ert­be­trieb? Schon diese sehr kleine Auswahl von Fragestel­lun­gen zeigt, wie kom­plex ein auf den ersten Blick ein­fach erscheinen­des The­ma am Ende sein kann. Und so geht es am Ende um weit mehr als um eine kleine Kul­turgeschichte des Pro­grammhefts. Es geht vielmehr um die Entwick­lung des Konz­ert­be­triebs der ver­gan­genen 70 Jahre und Antworten auf die inter­es­sante Frage, wie Gen­er­a­tio­nen von Dra­matur­gen und Pro­gram­mver­ant­wortlichen jew­eils ver­sucht haben, die Inhalte von Konz­ert­pro­gram­men sprach­lich, bildlich und vor allem all­ge­mein­ver­ständlich Gen­er­a­tio­nen von Konz­ertbe­such­ern nahe zu brin­gen.
Ein Beispiel: wur­den früher in Pro­grammheften – wie bis heute in Konz­ert­führern üblich – Noten­beispiele oder Par­ti­tu­rauszüge abge­druckt, wird heute darauf weit­ge­hend verzichtet. Druck­bild, Pro­grammheft­for­mate, Textlän­gen und wis­senschaftlich­er Anspruch der Erläuterun­gen sind Para­me­ter, die jew­eils auch ein Spiegel­bild gesellschaftlich­er Entwick­lun­gen und Gewohn­heit­en rund um den Konz­ert­be­trieb der ver­gan­genen Jahrzehnte doku­men­tieren.
Dies alles wird von Tewinkel sehr span­nend dargestellt und mit vie­len kleineren Randgeschicht­en und his­torischen Entwick­lun­gen rund um die Münch­n­er und Berlin­er Phil­har­moniker, aber auch um den Konz­ert­be­trieb und das sich verän­dernde Konz­ert­pub­likum ver­bun­den. Wer als Musik­er selb­st gele­gentlich Konz­erte mod­eriert, als Dra­maturg oder Orch­ester­man­ag­er für Pro­gramme und Pro­grammhefte ver­ant­wortlich ist oder wer als inter­essiert­er Konz­ertbe­such­er ein­fach nur Lust auf gute Lek­türe rund um den Konz­ert­be­trieb hat, der wird dieses Buch (und sein näch­stes Pro­grammheft) mit großem Gewinn lesen.
Ger­ald Mertens