Städtischer Musikverein zu Düsseldorf (Hg.)

MusikVereint

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Dohr, Köln 2018
erschienen in: das Orchester 10/2018 , Seite 63

Der Städtis­che Musikvere­in Düs­sel­dorf, also der Konz­ertchor der Lan­deshaupt­stadt, kann auf 200 Jahre seines Beste­hens zurück­blick­en. Aus diesem Anlass ist eine 224 Seit­en starke Pub­lika­tion erschienen, welche in ein­er Vielzahl von Beiträ­gen die Geschichte des Chors chro­nol­o­gisch schildert, aber auch und vor allem eine Fülle stim­mungs­fördern­der pri­vater State­ments enthält. Sie bilden eine sym­pa­this­che Farbe in dem optisch sehr wohlgestal­teten Buch, bedür­fen jedoch kein­er näheren Bew­er­tung.
Als „Vere­in für Tonkun­st“ trat der von Laien­sängern getra­gene Musikvere­in am 10. Mai 1818 erst­mals öffentlich in Erschei­n­ung, und zwar mit Joseph Haydns Jahreszeit­en. Im Laufe der Jahre entwick­elte er sich zu einem maßge­blichen Träger des Düs­sel­dor­fer Konzertlebens. Bald gesellte sich ein Orch­ester hinzu, welch­es in den GMD-Jahren von Eugen Szenkar (1952–1960) den Namen Düs­sel­dor­fer Sym­phoniker erhielt.
His­torisch entschei­dend geprägt wurde der Musikvere­in durch die Beru­fun­gen von Felix Mendelssohn und Robert Schu­mann als städtis­che Musikdi­rek­toren. So kurz die Präsenz von Mendelssohn auch war (1833–1835), sie erwies sich als eine beson­ders glück­liche. Schu­mann hinge­gen ver­mochte sich nur schw­er an die rheinis­che Men­tal­ität zu gewöh­nen. Seine Frau Clara emp­fand die „untere Klasse“ der Düs­sel­dor­fer sog­ar als „durchgängig grob“. Ihnen fehle ganz ein­fach die „höhere Bil­dung“. Zwar assim­i­lierten sich die Schu­manns mehr und mehr, aber ihr Ver­hält­nis zur kün­st­lerischen Umwelt war und blieb ein äußerst ges­paltenes. Gle­ich­wohl ent­stand in den Düs­sel­dor­fer Jahren ein Großteil von Schu­manns Musik, sog­ar eine Fes­tou­vertüre mit Gesang über das Rhein­wein­lied. Das Pub­likum sang in der Pre­miere 1853 fro­hges­timmt mit.
Alle Ver­anstal­tun­gen fan­den in der Ton­halle statt; sie wurde 1943 zer­stört. 1978 stand dann endlich die ehe­ma­lige, attrak­tiv umge­baute Rhein­land­halle für das Düs­sel­dor­fer Konzertleben zur Ver­fü­gung. Auch sie besitzt ein großes Audi­to­ri­um, ist somit für aus­ladende Beset­zun­gen beson­ders prädes­tiniert. Kein Wun­der, dass Gus­tav Mahlers 8. Sin­fonie („der Tausend“) immer wieder zur Auf­führung gelangte. Im Gegen­satz zur Münch­n­er Urauf­führung mit 1030 Mitwirk­enden beschränk­te man sich in Düs­sel­dorf bei der aktuellen Ein­studierung Anfang Juli auf etwa 400 Sänger und Orch­ester­musik­er, doch ist selb­st diese Zahl gigan­tisch genug.
Obwohl sich der Düs­sel­dor­fer Musikvere­in bei dieser Gele­gen­heit einiger Gastchöre ver­sich­ern musste, gehört er selb­st doch zu den beson­ders üppig beset­zten Vokalensem­bles. Ein Kapi­tel des Buchs vertei­digt nach­drück­lich die „Vorzüge eines großen Chores“, nicht zulet­zt als weit­er­hin wirk­samen Kon­trast zu den reduzierten Beset­zun­gen, welche durch die his­torisch informierte Auf­führung­sprax­is in Mode gekom­men sind. Dass der Düs­sel­dor­fer Musikvere­in ander­er­seits zeit­gemäßen Entwick­lun­gen gegenüber aufgeschlossen ist, zeigt u.a. sein SingPausen-Pro­jekt, welch­es den ganz jun­gen Sänger­nach­wuchs fördert. Dafür wurde ihm 2017 der Jugend-Kul­tur­preis ver­liehen.
Christoph Zim­mer­mann