Kalisch, Volker (Hg.)

Musiksoziologie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Laaber, Laaber 2016
erschienen in: das Orchester 10/2016 , Seite 56

Im Juli hat das Fach­magazin Nature einen Forschungs­bericht des Mass­a­chu­setts Insti­tute of Tech­nol­o­gy (MIT) veröf­fentlicht, wonach empirisch nachgewiesen wor­den sei, dass das Beha­gen am Gle­ichk­lang in der Musik ein Pro­dukt west­lich­er Kul­tur ist. Men­schliche Reak­tio­nen auf Kon­so­nanz und Dis­so­nanz sind fol­glich nicht an-
geboren, son­dern wer­den erlernt. Diese grundle­gende Prägekraft der Kul­tur war von den meis­ten Forsch­ern bish­er bestrit­ten wor­den.
Die neuen Erken­nt­nisse stützen und recht­fer­ti­gen ein­mal mehr eine bre­ite musik­sozi­ol­o­gis­che Forschung. Und hier kann das vor­liegende Kom­pendi­um, das in der Rei­he Kom­pen­di­en Musik im Auf­trag der Deutschen Gesellschaft für Musik­forschung her­aus­gegeben wurde, helfen, sich umfassend zu ori­en­tieren. Es ver­ste­ht sich als ein Buch zum Ler­nen und zum Nach­schla­gen. In drei Schw­er­punk­ten mit ins­ge­samt 23 Auf­sätzen und ein­er Ein­führung des Her­aus­ge­bers wird erörtert, was Musik­sozi­olo­gie eigentlich ist und was sie the­ma­tisch erschließt.
Das zu klären ist auch nötig, denn die Anerken­nung als eigen­er Forschungszweig ist umstrit­ten. Oder sie gilt als jew­eils indi­vidu­eller Beitrag zweier ein­flussre­ich­er Sozi­olo­gen: Max Weber und Theodor W. Adorno. Ent­lang der bei­den in der deutschen Sozi­olo­gie oft unver­söhn­lichen Rich­tun­gen: der empirischen (Weber) und der philosophis­chen (Adorno). Schließlich gilt angesichts der gegen­wär­tig boomenden Kul­tur­wis­senschaften, was Karl Jaspers schon 1958 ange­merkt hat: „Das meiste, was unter dem Namen Sozi­olo­gie geht, ist Schwindel.“
An dem will sich das vor­liegende Buch natür­lich nicht beteili­gen und entsprechend groß sind die Anstren­gun­gen ein­er sauberen Orts- und Meth­o­d­enbes­tim­mung der Diszi­plin Musik­sozi­olo­gie. Allein vier Artikel erörtern Meth­o­d­en­fra­gen, zwei weit­ere Texte wis­senschaft­s­the­o­retis­che Konzepte. Diese sechs Beiträge rah­men ein, was unter dem Rubrum „Musik­sozi­ol­o­gis­che Arbeits­felder“ ver­sam­melt ist: Musik und Rit­uale, Musik und Geld, Musik als Herrschafts­form, als Unter­hal­tung, als Medi­um und als Kom­mu­nika­tion. Außer­dem wer­den Insti­tu­tio­nen in musik­sozi­ol­o­gis­ch­er Per­spek­tive durch die Jahrhun­derte betra­chtet: Hof, Kirche, Stadt, Mod­erne, Post­mod­erne, Musikin­dus­trie, Musik­er­pro­file und Musik im All­t­ag: über­all und jed­erzeit.
Die Musik­sozi­olo­gie ist entwed­er mehr Sozi­olo­gie oder mehr Musik­wis­senschaft. Kein Wun­der, denn Forsch­er, die von bei­dem gle­ich viel ver­ste­hen, sind sel­ten. Das vor­liegende Kom­pendi­um ver­fol­gt ein klares Ziel: „Es will Nicht-Sozi­olo­gen den sozi­ol­o­gis­chen Diskurs zugänglich machen, Vorurteile über musik­sozi­ol­o­gis­ches Denken abbauen helfen und den Beweis erbrin­gen, dass musik­sozi­ol­o­gis­che Besin­nung (sic!) unverzicht­bar zur auf Voll­ständigkeit gerichteten Musik­wis­senschaft gehört.“
Faz­it nach der Lek­türe: Den Sozi­olo­gen macht sie ver­mut­lich weniger glück­lich als den Nicht-Sozi­olo­gen oder den Musik­wis­senschaftler. Alle aber kön­nen eine Menge aus den guten method­ol­o­gis­chen Tex­ten ler­nen.
Kirsten Lin­de­nau