Daniela Bartels

Musikpraxis und ein gutes Leben

Welchen Wert haben ethische Konzeptionen eines guten Lebens für die Musikpädagogik?

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Wißner
erschienen in: das Orchester 04/2019 , Seite 60

Musikprax­is und ein gutes Leben: Daniela Bar­tels ver­spricht in ihrer musikpäd­a­gogis­chen Dis­ser­ta­tion entwed­er allzu anspruchsvoll oder aber allzu unbe­fan­gen mehr, als sie hal­ten kann. Im Grunde geht es ihr jedoch glück­licher­weise weniger dog­ma­tisch um ein „gutes Leben“ und um den Anteil, der ein­er musikalis­chen Prax­is dabei zufall­en kann, als vielmehr um Fra­gen, wie sich ein im ganz all­ge­meinen Sinne wün­schenswertes, also vernün­ftiger­weise kaum zu bestre­i­t­en­des „gutes“ gesellschaftlich­es Ver­hal­ten und Musikprax­is wech­sel­seit­ig aufeinan­der beziehen kön­nen. Sie ver­fol­gt vor allem „ethis­che Ziele“ und will, wie es im Klap­pen­text der Pub­lika­tion heißt, „junge und erfahrene Musikpädagog*innen zum Nach­denken über den Sinn und den Wert ihrer Arbeit anre­gen“.
Bar­tels arbeit­et ihr Vorhaben in den vier The­men­bere­ichen der „ästhetis­chen Wahrnehmung“, der „Selb­st­gestal­tung“, der „Gestal­tung von Beziehun­gen“ und der „Wahl­frei­heit“ aus und referiert erschöpfend Mei­n­un­gen von Aris­tote­les bis hin zu den doch oft ephemeren Ver­laut­barun­gen jüng­ster musikpäd­a­gogis­ch­er Autoritäten (vor allem auch aus dem englis­chen Sprachraum) mit Seit­en­blick­en auf ein­schlägige Philoso­phien.
Das alles ist gewiss anre­gend und gut gemeint, doch fragt man sich, ob darüber nicht das spez­i­fisch Musikalis­che unun­ter­schei­d­bar etwas zu kurz kommt, um das sich Musikpäd­a­gogik vor­rangig zu küm­mern hätte. Indi­rekt entspricht diese Arbeit der allen­thal­ben spür­baren Krise ein­er Kul­tur, in der Musik kaum mehr wom­öglich als „Offen­barung“ von „Wahrheit“ voller Sinn zu ein­er gän­zlich verin­ner­licht­en Lebens­form zählt, in der sie ihre ein­st­mals selb­stver­ständliche, im 19. Jahrhun­dert sog­ar religiös ver­brämte Bedeu­tung erhielt. Sie hat sich vielmehr, in welch­er Form auch immer, zu recht­fer­ti­gen – und das, so scheint es, fällt ihr gegen­wär­tig im nüchtern-„entzauberten“ und zugle­ich glob­al­isierten gesellschaftlichen Kli­ma immer schw­er­er.
Die Musikpäd­a­gogik, so wird mit den Zitat­en der Autoritäten erkennbar, reagiert vor allem mit dem Nach­weis, Musik könne immer noch gesellschaftlich „nüt­zlich“ oder wom­öglich „rel­e­vant“ sein. Charak­ter­is­tis­cher­weise kommt Bar­tels erst auf den let­zten drei Seit­en ihrer Arbeit auf das in jed­er Musik eingeschlossene Moment des Spielerischen, also des gewis­ser­maßen „Zweck­freien“ zu sprechen, das von Kant im Sinn eines freien Spiels der „Erken­nt­niskräfte“ in den Bere­ich von „Zweck­mäßigkeit ohne Zweck“ gerückt wurde, aber offen­bar nur noch als sub­al­ternes „blindes, musikpäd­a­gogisch verkürztes Musizieren“ wahrgenom­men oder als „musikan­tisch“ denun­ziert wird.
Para­dox­er­weise niv­el­liert oder schmälert solche Musikpäd­a­gogik, über­trieben aus­ge­drückt, auch im Sinne von „Emanzi­pa­tion“ oder „Frei­heit“ im „guten“ Leben auf diese Weise den Charak­ter und die Bedeu­tung desjeni­gen, für das sie sich wer­bend ein­set­zen will. Immer­hin stößt Bar­tels eine Diskus­sion an, deren möglichst halt­bare „Ergeb­nisse“ sich freilich nir­gend­wo abze­ich­nen.
Gisel­her Schu­bert