Anders, Günther

Musikphilosophische Schriften

Texte und Dokumente

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: C.H. Beck
erschienen in: das Orchester 11/2017 , Seite 55

„Geformt wor­den bin ich in mein­er Jugend auss­chließlich durch Musik und bildende Kun­st. Die ich bei­de auch aktiv betrieben habe.“ Berühmt wurde der Autor dieser Zeilen aber wed­er als Musik­er noch als Kün­stler, son­dern mit tech­nik- und medi­enkri­tis­chen Schriften, die er nach dem Zweit­en Weltkrieg veröf­fentlichte. Die wichtig­ste unter ihnen trägt den Titel Die Antiquiertheit des Men­schen. Darin kri­tisiert Gün­ther Anders, der eigentlich Gün­ther Stern hieß, die Tech­nikgläu­bigkeit des mod­er­nen Men­schen und seine Bere­itschaft, sich Maschi­nen, Medi­en und Appa­rat­en zu unter­w­er­fen. Andere Veröf­fentlichun­gen, die vor der Nutzung der Kernen­ergie war­nen, tru­gen ihm den Titel „Atom­philosoph“ ein.
Trotz­dem blieb Anders der Musik zeit seines Lebens ver­bun­den. Mehr noch – seine Lauf­bahn als Philosoph hat er auf dem Feld der Musik mit musikphänom­e­nol­o­gis­chen Tex­ten begonnen. Diese unbekan­nte Seite des Philosophen beleuchtet jet­zt ein Band, der Anders’ Texte zur Musik ver­sam­melt, die (mit ein­er Aus­nahme) in den 1920er und 1930er Jahren ent­standen sind. Darin find­en sich zum einen eine Spezialun­ter­suchung zu musikphänom­e­nol­o­gis­chen Fragestel­lun­gen, zum anderen eine Vielzahl von Essays, die ein bre­ites The­men­spek­trum abdeck­en, darunter Das Hören impres­sion­is­tis­ch­er Musik, Unsere Musik, wie ein Inder sie hört, Porträts von Busoni, Schön­berg und Dilthey oder Prob­lem­for­mulierun­gen zu ein­er Musik­sozi­olo­gie sowie die Paris­er Musik­briefe. Die für Anders typ­is­che medi­enkri­tis­che Hal­tung spricht aus dem Text Spuk und Radio. Eine über Radio aus­ges­trahlte Musik­dar­bi­etung führt zu vielfachen, simul­ta­nen Auf­führun­gen, die sich gegen­seit­ig „Lügen strafen“. Für Anders ein beinah sur­re­al­is­tis­ch­er „Spuk“.
Die jugendliche Begeis­terung für Musik – Anders spielte Klavier und Geige – mün­dete vor dem Hin­ter­grund eines Philosophie­studiums bei Edmund Husserl in die 1930/31 ver­fassten Philosophis­chen Unter­suchun­gen über musikalis­che Sit­u­a­tio­nen, die Anders als Habil­i­ta­tion­ss­chrift an der Frank­furter Uni­ver­sität ein­re­ichen wollte. Diese musikphänom­e­nol­o­gis­che Arbeit bildet den umfan­gre­ich­sten Text in der vor­liegen­den Veröf­fentlichung. In ihr unter­sucht Anders, vere­in­fachend gesagt, das kom­plexe Ver­hält­nis zwis­chen Hör­er und Mu­sik.
Im auf­schlussre­ichen Nach­wort ord­net Rein­hard Ellen­sohn die Texte zeit­geschichtlich ein. Man erfährt, dass Anders alias Stern als aktives Mit­glieder im Freiburg­er „Col­legium musicum“ von Willibald Gurlitt die Wieder­erweck­ungs­be­mühun­gen mit­te­lal­ter­lich­er Musik ver­fol­gte. Außer­dem inter­essierten ihn die Forschun­gen zur Tonpsy­cholo­gie von Carl Stumpf und zur Mikro­har­monik von Heinz Wern­er. Schließlich beleuchtet Ellen­sohn auch Anders’ „Frank­furter Gast­spiel“, mit dem die Bemühun­gen gemeint sind, sich an der dor­ti­gen Uni­ver­sität zu habil­i­tieren. Wie und warum dieser Plan scheit­erte und welche Rolle Theodor W. Adorno und Paul Tillich dabei spiel­ten, ergibt ein span­nen­des Kapi­tel deutsch­er Uni­ver­sitäts­geschichte.
Math­ias Nofze