Arbeitsgemeinschaft Musikermuseen in Deutschland (Hg.)

Musikermuseen in Deutschland

Den Noten auf der Spur

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Grebennikov
erschienen in: das Orchester 04/2020 , Seite 63

Ken­nen Sie die „Arbeits­ge­mein­schaft Musik­er­museen in Deutsch­land“? Ich kan­nte sie nicht. Lei­der. Sie wurde 2005 gegrün­det, umfasst mit­tler­weile 44 Museen und hat dieses Werk – ein Nach­schlagew­erk, Bilder­buch, Reise­führer, Kunst­werk? ­– her­aus­gegeben. Es ist alpha­betisch sortiert nach Städten, die berühmten Musik­ern bzw. über­wiegend Kom­pon­is­ten ein Muse­um gewid­met haben. Naturgemäß sind nur wenige Frauen vertreten, nur die „üblichen Verdächti­gen“ wie Fan­ny Mendelssohn oder Clara Schu­mann.
In sein­er Vorstel­lung besucht man in diesem Buch Orte, von denen man noch nie gehört hat: Grau­pa, Rain, Lobe­jün, Großrück­er­swalde. Erstaunlich, wie viele „musikalis­che Muse­umsstädte“ Deutsch­land uns offeriert. Für jedes Ziel wer­den die Ausstel­lungss­chw­er­punk­te und -beson­der­heit­en zusam­menge­fasst, zum Beispiel Gedenkmünzen oder Brief­marken, Porträts oder Plas­tiken, Klan­gin­stal­la­tio­nen oder Hörsta­tio­nen.
Es wer­den Anek­doten über Land und Leute erzählt wie diejenige zur Enthül­lung des Beethoven-Denkmals 1845. Es wer­den (mitunter über­raschende) biografis­che Details zu bedeu­ten­den Per­sön­lichkeit­en geliefert. Es gibt diverse Tipps zu High­lights und Musik­fes­ti­vals, zu Über­nach­tungs- und Einkehrmöglichkeit­en, zu Touris­ten­in­for­ma­tion und zu Öff­nungszeit­en. Ein­trittspreise wer­den nicht bez­if­fert, aber die ändern sich bekan­ntlich auch ständig.
Wir erhal­ten schöne Fotos von Orten, Museen, Interieurs, alles lebendig, haut­nah. Allein auf­grund des Fotos spürt man die „Abend­stim­mung im Schu­mann-Haus“ in Leipzig. Wir kön­nen den 1703 gebaut­en Spieltisch der Wen­der-Orgel in Arn­stadt, ein­er der Bach’schen Wirkungsstät­ten, qua­si berühren; eine Bach-Büste sowie die Rekon­struk­tion von Bachs Ausse­hen anhand des Schädels (die erste drei­di­men­sion­ale Gesicht­srekon­struk­tion der Medi­zingeschichte!) in Eise­nach und das his­torische Arbeit­sz­im­mer des Dichters Fritz Reuter bewun­dern; ein Mod­ell ein­er barock­en Opern­bühne im Ham­burg­er Has­se-Muse­um; in Frank­furt Hin­demiths Vio­la d’amore; in Grau­pa ein Ham­merklavier aus dem Jahr 1800; das Orgel­pos­i­tiv der Leipziger Thomaskirche; einen Edi­son-Phono­graphen mit Löwe-Walzen im oben erwäh­n­ten Löbe­jün; eine Erstau­flage von Leopold Mozarts Ver­such ein­er gründlichen Vio­lin­schule.
Angesichts solch­er Vielfalt mag lediglich der Unter­ti­tel dieser anschaulichen Sait­en-Seit­en-Samm­lung ver­wun­dern: „Den Noten auf der Spur“. Das ist nett, aber nicht annäh­ernd so tre­f­fend und umfassend wie der Inhalt dieses wun­der­baren, hüb­sch bebilderten, über­sichtlich gestal­teten, Neues enthül­len­den, gelun­genen Buch­es. Wenn man es liest, glaubt man fast schon über­all dort in jenen reizvollen, inter­es­san­ten Städtchen gewe­sen zu sein, mit Brahms und Co. in ein­er som­mer­lichen Laube gesessen und im Park­ho­tel gespeist zu haben.
Neben einem aus­führlichen Reg­is­ter und Abbil­dungsverze­ich­nis find­et sich auch eine Deutsch­land­karte mit Adressen. Gute Reise!
Car­o­la Keßler