Sophie Fetthauer

Musiker und Musikerinnen im Shanghaier Exil 1938–1949

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Von Bockel
erschienen in: das Orchester 12/2021 , Seite 71

Die mehr als 800 Seit­en dieses Buch­es bieten einen sehr umfassenden, wis­senschaftlich pro­fund gear­beit­eten und sprach­lich klar gefassten Blick auf das Exil deutsch­er Musik­er in Shang­hai. Mehr als 450 deutsche Musik­er und Musikpäd­a­gogen aller Couleur, die aus Nazi-Deutsch­land fliehen mussten, fan­den dort ein Exil – materiell prob­lema­tisch, kli­ma­tisch unge­wohnt und poli­tisch gefährdet durch japanis­che Eroberungs­gelüste, die 1941 let­z­tendlich zur Ein­nahme der kom­plet­ten Stadt führten. Diese Arbeit Sophie Fet­thauers nen­nt eine Menge dieser Men­schen mit Namen und rekon­stru­iert ihr Exil auf der Basis doku­men­tiert­er Fak­ten. Dabei ste­hen die musikalis­chen Aktiv­itäten der Flüchtlinge in Shang­hai selb­stver­ständlich im Vordergrund.
Struk­tur und Geschichte der Stadt Shang­hai, die Mitte der 1930er Jahre schon eine sehr schnell gewach­sene Metro­pole mit eini­gen Mil­lio­nen Ein­wohn­ern war, ste­hen am Beginn der umfan­gre­ichen Unter­suchung. Warum damals europäis­che Aus­län­der das Leben in dieser großen chi­ne­sis­chen Hafen­stadt dominierten, obwohl Chi­na niemals von ein­er Kolo­nial­macht unter­wor­fen wurde, und ob die vie­len „Vergnü­gungsstät­ten“ tat­säch­lich dem dama­li­gen Ruf der Stadt eines mod­er­nen Sodoms stand­hiel­ten – Fet­thauer erläutert es und schafft so ein lebendi­ges, fundiertes Bild der Stadt zur Zeit des Ein­tr­e­f­fens der Flüchtlinge.
Erst nach­dem im Som­mer 1939 die Ein­reise nach Shang­hai stark regle­men­tiert wurde, brach der Zus­trom an Flüchtlin­gen ab. Spätestens mit der Machtüber­nahme der chi­ne­sis­chen Kom­mu­nis­ten 1949 ver­ließen die Flüchtlinge Shang­hai wieder.
Die vor­liegende Studie weist nach, dass Musik­er und Musikschaf­fende mit 2,5 Prozent einen ungewöhn­lich hohen Anteil an den deutschen Flüchtlin­gen in Shang­hai aus­macht­en. Diese Musik­er waren über­wiegend bere­its in mit­tleren Jahren und keineswegs die umjubel­ten Solis­ten der großen Büh­nen, als sie die Flucht nach Chi­na antrat­en. Die aller­meis­ten von ihnen flo­hen vor den anti­semi­tis­chen Greueln der Nazis, hat­ten teils eine Inhaftierung oder einen Aufen­thalt im Konzen­tra­tionslager hin­ter sich.
Fet­thauer hat akribisch rekon­stru­iert, welch­er Art die musikalis­che Arbeit der Flüchtlinge in Shang­hai war: Unter­hal­tende Musik jed­er Art war in den vie­len Nacht­clubs, Hotels und Bars der großen Hafen­stadt gefragt. Auch gab es eine klas­sis­che Musik­szene. Doch fand nicht jed­er Flüchtling ein Engage­ment. Die Musikpäd­a­gogen kon­nten teils Lehraufträge erhal­ten oder sich pri­vat einen Schüler­stamm auf­bauen, aber auch hier herrschte Unsicher­heit. Ins­ge­samt war das Leben der Flüchtlinge von materiellen Not­la­gen gekennze­ich­net. Wohn­raum zu find­en war schwierig und viele Musik­er verblieben über lange Jahre in Notun­terkün­ften und lebten von sehr geringer Unter­stützung durch Hilfsorganisationen.
Einige wenige Fotos lock­ern diese wis­senschaftliche Arbeit auf. Die Fülle an Mate­r­i­al sollte nicht abschreck­en, denn Fet­thauers Buch ist lesenswert und ein wichtiges, wenn auch punk­tuelles Zeug­nis gegen das Vergessen.