Musikalische Morgenunterhaltung

Kammermusik der Romantik auf Originalinstrumenten. Werke von Mendelssohn Bartholdy, Schumann, Wieck u.a.

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Raumklang RK3107
erschienen in: das Orchester 05/2013 , Seite 76

Die Geschichte der Musik wird nicht zulet­zt erzählt von den Musikin­stru­menten, die in den ver­schiede­nen Epochen zur Ver­fü­gung standen. Diese Erken­nt­nis ist nicht neu, aber nach wie vor span­nend. In Leipzig entwick­elte sich nach der Wende ein Zen­trum vor allem des roman­tis­chen Instru­men­tar­i­ums: Im Zusam­men­wirken von Bach-Archiv, Mendelssohn- und Schu­mann-Haus sowie dem Muse­um für Musikin­stru­mente der Uni­ver­sität Leipzig wurde die Ini­tia­tive zur Wieder­bele­bung alter Orig­i­nalin­stru­mente bzw. getreuer Nach­baut­en frag­iler his­torisch­er Funde geboren. Eine CD-Rei­he macht mit den Instru­menten bekan­nt, und die 6. Folge wid­met sich nun expliz­it der (früh-)romantischen Epoche.
Man staunt über den Reich­tum des Instru­men­tar­i­ums, das vor allem Lieb­haber der Musik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhun­derts spiel­ten. Denn neben einem Ham­mer­flügel von Johann Nepo­muk Tröndlin (um 1830) und Stre­ichin­stru­menten aus der Barockzeit gibt es eine Gitarre (1817), eine Harfe (1775) und eine Lyrag­i­tarre (um 1820), des Weit­eren ein Ven­til­horn (um 1845) und ein trag­bares Tas­tenin­stru­ment mit Namen Orphi­ka (um 1810) im Bestand des Leipziger Muse­ums, die man auf dieser CD hören kann. Daneben gibt es getreue Nach­baut­en von Klar­inet­ten, ein­er Glashar­moni­ka, ein­er Tra­vers­flöte, ein­er Cza­kan-Stock­flöte und ein­er (von Berlioz gern einge­set­zten) Ophik­leïde.
Einige dieser heute exo­tisch klin­gen­den Instru­mente sind aus­ge­sproch­ene Rar­itäten, da kaum Exem­plare in spiel­barem Zus­tand erhal­ten sind. Sie wur­den auch nicht in großer Stück­zahl gebaut und blieben sel­ten durch Orig­i­nal­w­erke berühmter Kom­pon­is­ten in Erin­nerung. Ihr Reiz erschließt sich auch sel­tener in großen Konz­erten, im Gegen­teil erfordern sie häu­fig das intime Ambi­ente pri­vater musikalis­ch­er Erbau­ung. Ger­ade in Leipzig wur­den sie gern ver­wen­det: „Ein großer Teil der Kam­mer­musik und des Lied­schaf­fens der Roman­tik war nicht für die große Konz­ert­bühne gedacht, son­dern ent­stand für die spez­i­fis­chen Bedürfnisse ein­er wach­senden kul­turellen Träger­schicht, die aus Indus­triellen, Kau­fleuten, Gelehrten, […] Beamten, Pub­lizis­ten und mancherorts auch Adli­gen bestand“, schreibt Anselm Hartinger zurecht im Book­let dieser CD. Um 1840 ent­standen eine Rei­he von kam­mer­musikalis­chen Son­derver­anstal­tun­gen zur Konz­ertrei­he des Gewand­haus­es, und bei den berühmten „Mor­ge­nun­ter­hal­tun­gen“ ließen sich 1843/44 auch Robert und Clara Schu­mann hören.
So ist das Reper­toire, das das Ensem­ble Leipziger Con­sort hier vorstellt, meist genau­so sel­ten zu hören wie es die Instru­mente sind. 1997 gegrün­det, spie­len die Absol­ven­ten und Dozen­ten der Sparte Alte Musik an der Hochschule „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig Werke von Mendel­sohn, Gade, Robert und Clara Schu­mann, Weber und Marschn­er, aber auch von Johann Georg Trom­litz, Hein­rich Back­ofen, Got­thelf Hein­rich Kum­mer, Bach/Moscheles, Bern­hard Hein­rich Romberg und Carl Fer­di­nand Beck­er. So bieten diese Auf­nah­men eine aufre­gende Ent­deck­ungsreise in eine gemein­hin als bekan­nt gel­tende musikalis­che Land­schaft.
Matthias Roth