Tobias Bleek/ Ulrich Mosch

Musik

Ein Streifzug durch 12 Jahrhunderte

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bärenreiter/Henschel
erschienen in: das Orchester 02/2019 , Seite 58

Musik ist kein kon­tinuier­lich­er und ein­heitlich­er Strom“, so die He­rausgeber. Es gibt Blütezeit­en und Durst­streck­en. Musikgeschichtss­chrei­bung ist prob­lema­tisch. Daher durch­streifen sie kreuz und quer zwölf Jahrhun­derte Musikgeschichte und erzählen 183 Geschicht­en von Din­gen, „die für das jew­eilige Zeital­ter wichtig und charak­ter­is­tisch sind“. Das reicht vom Gre­go­ri­an­is­chen Gesang über „Große Kun­st in klein­er Form – Trobadors, Trou­vères, Min­nesänger“ hin zur Erfind­ung des Musik­drucks, Mon­teverdis L’Orfeo und den Beginn der Oper bis zur Gat­tung der Sin­fonie („Vom Lärmkiller zur höch­sten Gat­tung“).
Es gibt Kom­pon­is­tenkapi­tel wie „,Durch Lei­den zur Freude‘ – Mythos Beethoven“ und „Richard Wag­n­er – Von der Oper zum Musik­dra­ma“. Im 20. Jahrhun­dert wid­met man sich u.a. dem Jazz („Von New Orleans nach Chica­go – Die Anfänge des Jazz“) und poli­tisch miss­brauchter Musik („Musik als Pro­pa­gan­da – Die Musikpoli­tik der Nation­al­sozial­is­ten“), der begin­nen­den Pop­musik („The Bea­t­les – Auf­bruch zu neuen Ufern“), im 21. Jahrhun­dert dem Hip Hop, der indus­triellen Ver­w­er­tung von Musik und der Pop­musik im Inter­net.
Es sind Geschicht­en von Men­schen und ihrer Musik, von kün­st­lerischen Ereignis­sen, von Auf­führun­gen, von Instru­menten, Tech­niken und Orten, wo Musik gemacht wird. Musik­stücke, die eine Schlüs­sel­rolle gespielt haben, wer­den in den Mit­telpunkt gerückt, an ihnen wird das Typ­is­che der „Epoche“ dargestellt.
Der Streifzug, der von der Antike bis zur Gegen­wart reicht, bildet ein weit ges­pan­ntes, facetten­re­ich­es Mosaik der Musikgeschichte, in dem der Leser nach Lust und Laune zwis­chen den Tex­ten hin und her sprin­gen kann. Renais­sance, Roman­tik und Mod­erne bilden den Schw­er­punkt des Buchs, als dessen Eck­steine die Erfind­ung der musikalis­chen Schrift im aus­ge­hen­den 9. Jahrhun­dert und die Klangspe­icherung mit tech­nis­chen Mit­teln in der zweit­en Hälfte des 19. Jahrhun­derts definiert wer­den. Die Schrift erst ges­tat­tete, Musik ‚festzuhal­ten‘: „Die Nota­tion erlaubt es, sich eine ziem­lich genaue Klangvorstel­lung von Musik zu ver­schaf­fen und sie sin­gend oder spie­lend zum Klin­gen zu brin­gen.“ Gä­be es die Klangspe­icherung nicht, „so hät­ten wir heute keine genaue Vorstel­lung davon, wie Ella Fitzger­ald, die Bea­t­les oder eine ungarische Bäuerin vor hun­dert Jahren gesun­gen oder wie die Berlin­er Phil­har­moniker unter Wil­helm Furtwän­gler gespielt haben“.
Der mit Abstand größte Teil des Buchs ist daher dem 20. und 21. Jahrhun­dert gewid­met. 18 Autoren set­zen das faszinierende Mosaik zusam­men, das auf dem aktuellen Stand der musik­wis­senschaftlichen Forschung basiert. Einen wis­senschaftlichen Appa­rat mit Quellen-, Lit­er­atur- und Zitaten­nach­weis gibt es allerd­ings nicht, aber Fach­be­griffe wer­den an Ort und Stelle in den Mar­gin­alspal­ten der Texte erk­lärt. Das reich bebilderte Buch ist qua­si eine Musikgeschichte, ein exzel­len­ter Crashkurs für Anfänger, präzise und pro­fund, ohne belehrend daherzukom­men. Ein Sachreg­is­ter erlaubt gezieltes Nach­schla­gen.

Dieter David Scholz