Landau, Annette/Peter Stulz (Hg.)

Musik und Medizin

Zwei Künste im Dialog

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Chronos, Zürich 2003
erschienen in: das Orchester 10/2004 , Seite 79

Musik und Medi­zin verbindet nicht nur die gemein­same Wurzel in der antiken Mytholo­gie. Apol­lo als Gott der Kün­ste war gle­icher­maßen für die Ton- und für die Heilkun­st ver­ant­wortlich. Der sorgfältig edierte Sam­mel­band beleuchtet in 13 Essays die Facetten ein­er nicht immer ein­fachen Beziehung. Die Konzep­tion des Buchs ist überzeu­gend. Nach einem pro­gram­ma­tisch-pro­voka­tiv­en Ein­leitungsauf­satz zur Frage, ob Wis­senschaft Musik­erin­nen und Musik­ern über­haupt nützen kann, grup­piert sich der Band um vier inter­diszi­plinäre Themenbereiche.
Der erste The­men­bere­ich behan­delt die musik­er-medi­zinis­chen Fra­gen. Ähn­lich wie Sportler sind Musik­er beson­deren Belas­tun­gen aus­ge­set­zt. Zusam­men­spiel und Fein­ab­stim­mung der Bewe­gungsabläufe unter dem hohen Per­fek­tions­druck der mod­er­nen Orch­ester­prax­is sind beson­dere Belas­tungs­fak­toren. Die Phys­io­ther­a­peutin Johan­na Gutzwiller geht der Frage nach, wie Über­las­tungs­beschw­er­den ange­gan­gen wer­den kön­nen und welche Vor­beuge­maß­nah­men sin­nvoll sind. Jochen Blum unter­sucht die Häu­figkeit berufs­be­d­ingter Erkrankun­gen und Beat Hohmann mit Sarah Dupasquier machen auf die hohen Schall­druck­pegel im Orch­ester mit erhe­blich­er Belas­tung des Gehörs aufmerksam.
Der zweite The­men­bere­ich konzen­tri­ert sich auf die neu­ro­bi­ol­o­gis­che Forschung. Wil­fried Gruhn sichtet kri­tisch Unter­suchun­gen, in denen eine Intel­li­genz fördernde Wirkung von Musikhören gefun­den wurde. Faz­it ist, dass Musikhören allen­falls geringe und nur wenige Minuten lang andauernde Effek­te auf räum­liche Vorstel­lung hat. Ste­fan Kölsch befasst sich mit der Frage, inwiefern im Großhirn des Men­schen Sprache und Musik in ähn­lich­er Art und Weise ver­ar­beit­et wer­den. Mario Wiesen­dan­ger gibt anschließend faszinierende Ein­blicke in die hoch präzisen Vorgänge der bei­d­händi­gen Koor­di­na­tion beim Geigenspiel.
Der dritte The­men­bere­ich wid­met sich der Musik­ther­a­pie. Hier wer­den auf fundierte Weise Wirk­mech­a­nis­men und Indika­tion der musik­ther­a­peutis­chen Inter­ven­tio­nen zusammengefasst.
Im let­zten Teil des Buchs wer­den philosophisch exis­ten­zielle Fra­gen behan­delt. Hans San­er the­ma­tisiert die Unter­schiede der bei­den Kün­ste „Musik“ und „Medi­zin“ und warnt in sym­pa­this­ch­er Weise davor, Musik zu einem Gebrauchs­ge­gen­stand zu reduzieren. Urs Frauchiger set­zt sich mit Musik als Sprache der Seele auseinan­der, Alois Koch zeich­net die Entwick­lung von Requiemkom­po­si­tio­nen und deren allmäh­liche Ablö­sung nach und Frank Nag­er wid­met sich dem Ster­ben der drei großen Musik­er Mozart, Beethoven und Mahler.
Der Band wen­det sich an Musik­er und Päd­a­gogen, an Ärzte und Ther­a­peuten, an Neu­rolo­gen und Musik­wis­senschaftler. Alle Artikel sind von hoher Qual­ität und all­ge­mein ver­ständlich geschrieben. Es ist dem Her­aus­ge­ber-Team vor­bildlich gelun­gen, in einem weit umspan­nen­den Bogen die Vielgestaltigkeit der Beziehung von Musik und Medi­zin darzustellen. Das Buch gehört in jeden Büch­er­schrank bre­it inter­essiert­er Musik­er und Mediziner.
 
Eckart Alten­müller