Kadja Grönke/Michael Zywietz (Hg.)

Musik und Homosexualitäten

Tagungsberichte Bremen 2017 und 2018

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Textem
erschienen in: das Orchester 05/2022 , Seite 61

Das mit Faden­bindung ansprechend gestal­tete Paper­back bün­delt die Beiträge der Ver­anstal­tun­gen „Stand und Per­spek­tiv­en musik­wis­senschaftlich­er Homo­sex­u­al­itäten­forschung“ (2017) und „Homo­sex­u­al­itäten und Manieris­mus“ (2018) an der Hochschule für Kün­ste Bre­men. Ein ganz weites Feld.
Hans-Joachim Hin­rich­sens Anmerkun­gen zur Ste­blin-Solomon-Debat­te über Franz Schu­bert sind par­a­dig­ma­tisch für die Fragilität von Forschun­gen über den Ein­fluss sex­ueller Iden­titäten und Nei­gun­gen auf Musik, deren Erleben und Ver­ständ­nis. Das bestätigt sich in span­nen­den Seit­e­naspek­ten wie in Wol­fram Boders Auf­satz über „Die Erste Sin­fonie des Spohr-Schülers Hugo Staehle“. Kevin Clark plädiert für die wesentliche Bed­ingth­eit­en frei­le­gende Fokussierung auf „Homo­sex­u­al­ität als The­ma der Operetten­forschung“, da viele Protagonist:innen dieser Kun­st­form mit Witz und Ernst ein­deutig-zwei­deutige Masken des Begehrens insze­nierten und so per­for­ma­tive Akteure in laten­ten und offe­nen Diskursen wurden.
Kad­ja Grönke hört und analysiert Hen­ze und Reimann nach der Prämisse von Roland Barthes. Dieser beschrieb die Bedeu­tung der Kör­per­lichkeit von Interpret:innen, vor allem deren Stim­men, für das Erleben von Musik. Der abschließende Teil erweit­ert den Fokus um außer­musikalis­che The­men wie Dieter Ingen­schays „Manieris­mus und Neu-Barock in der lateinamerikanis­chen Schwu­len­lit­er­atur“. Durch die von Judith But­ler angestoße­nen Diskurse über Plu­ralis-mus und Per­for­ma­tio­nen des Geschlechtlichen wurde die wis­senschaftliche Auseinan­der­set­zung mit „queer­er“ Prax­is und ihrer Rezep­tion nicht ein­fach­er. Das Erken­nen textueller bzw. tönen­der Codes als homo­sex­uelle Sig­nale ver­gan­gener Epochen bleibt auf­grund möglich­er Missver­ständ­nisse unsich­er. Method­isch fundierte Approx­i­ma­tive führen nicht immer zu Gewissheiten.
Wichtig sind den­noch fast alle Fragestel­lun­gen des Bands bis zur kor­rek­ten Erwäh­nung der sex­uellen Iden­tität von Musiker:innen in Lexikonar­tikeln mit dem Ziel ein­er Sicht­bar­ma­chung von Musik­in­hal­ten und deren Anlässen. Ob für das sach­liche und emo­tionale Ver­ste­hen das Wis­sen über die sex­uelle Ori­en­tierung der Urheber:innen notwendig ist, darüber gibt es derzeit keine Einigung.
Bei Ethel Smyth kann von dem häu­fi­gen Ver­drän­gen ihrer sex­uellen Iden­tität in der Sekundär­lit­er­atur aus­ge­gan­gen wer­den, weil ihr Leben und Werk gle­ichgeschlechtliche Diskur­san­lässe bein­hal­tet. Das Erspüren schwuler Codes in Kom­po­si­tio­nen des wegen homo­sex­uel-ler Betä­ti­gung gerichtlich verurteil­ten Frühre­nais­sance-Kapellmeis­ters Nico­las Gombert ist dage­gen ein kom­plex­es Unter­fan­gen. Gombert lebte in ein­er Zeit, in der männliche Homo­sex­u­al­ität als Sodomie definiert wurde und wie jede nicht zum Zweck der Zeu­gung aus­geübte sex­uelle Hand­lung als Sünde gegen die Reli­gion galt. Unter solchen Prämis­sen sind die Auf­sätze ein wichtiges Plä­doy­er zum vielschichti­gen Ver­ste­hen von Musik.
Roland Dippel