Said, Edward W.

Musik ohne Grenzen

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bertelsmann, München 2010
erschienen in: das Orchester 03/2011 , Seite 59

Luciano Pavarot­ti als „groteske Fig­ur“, die Oper­auf­führun­gen „auf ein Min­i­mum an Intel­li­genz und ein Max­i­mum an über­be­w­ertetem Lärm“ reduziert, das Spiel des Pianis­ten André Watts „ohne Plan und Aus­sage“, Zugaben „wie Essens­flecke auf einem hüb­schen Anzug“: Der Intellek­tuelle Edward W. Said hat nie ein Blatt vor den Mund genom­men. Ein Musikkri­tik­er im klas­sis­chen Sinn war Said nicht, aber ger­ade das machte ihn zu einem der orig­inell­sten Beobachter der musikalis­chen Szene. 36 Texte sind in dem vor­liegen­den Band ver­sam­melt, Texte, die Said über 30 Jahre hin­weg für renom­mierte Zeitun­gen schrieb und in denen er das musikalis­che Geschehen sein­er Zeit mit schar­fem Blick und oft spitzer Fed­er einge­fan­gen hat.
Her­aus­gekom­men ist ein Streifzug durch die Musikgeschichte der 1980er und 1990er Jahre, bei dem Saids Präferen­zen bald klar wer­den: Von der his­torischen Auf­führung­sprax­is hält er wenig, eben­so wenig von konz­er­tan­ten Dar­bi­etun­gen: „Steckt man Sänger in ele­gante Abend­klei­dung und lässt sie ohne the­atralis­ches Geschehen, stilis­tis­che Prinzip­i­en und drama­tis­che Gesten ein­fach in das Pub­likum hinein­schmettern, so entstellt man eine Oper nicht nur, son­dern ver­stüm­melt sie auch.“ In seinem Urteil ist er oft hart („Man erwartete ein Stachelschwein und bekam stattdessen einen räudi­gen Fuchs“, schreibt er über den Zyk­lus der neun Beethoven-Sym­phonien, darge­boten von nie­mand Gerin­gerem als den Wiener Phil­har­monikern unter Clau­dio Abba­do), ander­er­seits aber ist er stets bere­it, Größe anzuerken­nen, wenn er etwa über den Diri­gen­ten Robert Shaw meint: „Bei ihm hat man den Ein­druck, dass sich die Musik selb­st zum Aus­druck bringt. Das ist die schön­ste ästhetis­che Illu­sion über­haupt.“
Dazwis­chen find­en sich Texte, in denen Said das musikalis­che Geschehen in einen soziokul­turellen Zusam­men­hang stellt. So macht er sich Gedanken über Musik­er im mit­tleren Alter oder verknüpft die Musikkri­tik mit Über­legun­gen zum Fem­i­nis­mus, wobei er es „vorherse­hbar und merk­würdig zugle­ich“ find­et, dass der Fem­i­nis­mus, „der sich so inten­siv mit allen Diszi­plinen der Geistes- und Natur­wis­senschaften auseinan­der­set­zt, keine Ansätze zur Musikkri­tik geliefert hat“. Ob es um die Konz­ertkul­tur geht, um die Entwick­lung der Musikpäd­a­gogik oder die Ein­fall­slosigkeit der Spielpläne: Said nutzt seinen lit­er­atur­wis­senschaftlichen und poli­tis­chen Hin­ter­grund, um die musikalis­che Szene in einen größeren Rah­men zu stellen und sie als Aus­druck gesellschaftlich­er Entwick­lun­gen zu deuten.
Immer wieder kehrt er dabei zu Glenn Gould zurück. „Ich glaube, es war Glenn Goulds Tod im Jahr 1982, der Edward ver­an­lasste, ern­sthaft über Musik zu schreiben“, meint Saids Witwe Mari­am im Vor­wort. Gould ist für Said die Per­son­ifika­tion des Genies, seine Weigerung, sich beliebt zu machen, fasziniert den Kri­tik­er, die ungewöhn­liche, oft dis­tanzierte Inter­pre­ta­tion begeis­tert ihn. Goulds Musik ist für Said „Tech­nik im Dienst eines forschen­den Ver­stands, Kom­plex­ität, aufgelöst, ohne sie zu zäh­men, Intel­li­genz, befre­it von philosophis­chem Bal­last“. Ähn­lich­es kön­nte man auch über Saids Texte sagen.
Irene Binal