Ulrich Tadday (Hg.)

Musik-Konzepte 188/189. Rebecca Saunders

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Edition Text + Kritik
erschienen in: das Orchester 10/2020 , Seite 63

Es gibt ein­fach Klänge, die mich begeis­tern … Aber eigentlich gibt es gar nichts zu sagen.“ Die Sätze von Rebec­ca Saun­ders find­en sich in dem ihr gewid­me­ten Dop­pel­band der “Musik-Konzepte”, der neun Beiträge ver­sam­melt, die dieser Span­nung von Affek­tiv­ität und Aus­sagelosigkeit gegenüber­ste­hen. Und dabei die eigene Kernkom­pe­tenz musik­wis­senschaftlichen Aus­sagens mit diesem sprachlosen Phänomen der Begeis­terung zu verbinden suchen.
Begeis­terung ist naturgemäß keine musik­an­a­lytis­che Kat­e­gorie, und so sind fast alle Texte auf den Ter­mi­nus angewiesen, den die Kom­pon­istin selb­st in ihren zahlre­ichen Ein­las­sun­gen (hier gegenüber Lydia Jeschke) immer benutzt: Klang.
Sowohl in den Tex­ten zu “Scar, Alba, Fletch” oder dem Joyce-Werkkom­plex, die gründliche Zus­tands­beschrei­bun­gen von Mar­tin Kalte­neck­er, Tobias Schick, Jörn Peter Hiekel, Yuval Shaked sowie Mark Bar­den sind, als auch in den weiträu­migeren Ansätzen von Klaus Anger­mann und Lukas Hasel­böck zum The­ma des Raum-Zeit-Para­me­ters ist das der Zen­tral­be­griff. Das Wort Klang mit all seinen adjek­tivis­chen und adver­bialen Kom­bi­na­tio­nen taucht massen­haft auf und wirkt wie ein tex­tu­rales Mantra. Ein Ter­mi­nus, der kaum weit­er dif­feren­ziert wer­den kann, zumal seine agglom­er­a­tive Qual­ität bei Saun­ders durch das Berück­sichti­gen des jew­eili­gen Raums und der klang­bilden­den Akteure weit­er gesteigert ist.
Vieles in den Beschrei­bun­gen der klin­gen­den Pos­i­tiv­ität wirkt wie klas­sis­che Konz­ert­führer-Lit­er­atur, wo Gestal­tung ja oft als Aus­drucks­dra­ma ver­mit­telt wer­den. Hier als Dra­ma des Klangs selb­st, sein­er Muta­tio­nen, sein­er Tem­perierun­gen, seines Lebens. Viele rhetorische Attribute markieren Vor­sicht und Unsicher­heit („vielle­icht“, „wohl eher“). Umgekehrt herrscht auch der Ton der Begeis­terung und Pas­toral­ität („höchst ungewöhn­lich“, „vom Zuschauer leib­lich erspürt“, „eingeschrieben ist die Ein­ladung zum Nachvol­lziehen eines Prozess­es“). Feuil­leton­is­tisch: „geheimnisvolle Fasz­i­na­tion­skraft“, „beina­he magis­che Klang­land­schaft“. Kon­tex­tu­al­isierun­gen und Dis­tink­tio­nen sind gle­icher­maßen unscharf: Hin­weise auf fehlende Mon­u­men­tal­ität oder Bild­haftigkeit tre­f­fen wahrhaftig keinen saun­ders-spez­i­fis­chen Sachver­halt. Eingestreute Philosopheme jün­ger­er Prove­nienz haben orna­men­tale Funk- tion.
Tre­f­fend ist der Hin­weis Anger­manns auf Edgard Varès­es Sonoris­mus, den man sich bei Saun­ders in ein­er zeit­genös­sisch-bie­der­meier­lichen Espres­si­vo-Manier umfor­matiert gut vorstellen kann. Jeden­falls legt Peter Non­nen­mach­er mit sein­er Kri­tik an dem dif­fusen oder gefüh­li­gen Habi­tus dieser Musik solche Deu­tungsmöglichkeit­en nahe. Mar­tin Kalte­neck­er hat das Prob­lem ein­er Wis­senschaft erkan­nt, die vor dem Phänomen Saun­ders eigentlich zum Schweigen oder zum Raunen ver­dammt ist. Mit seinem Text zeich­net sich die Möglichkeit ein­er wis­sens­basierten Pas­sung ab.

Bern­hard Uske