Geiger, Friedrich

Musik in zwei Diktaturen

Verfolgung von Komponisten unter Hitler und Stalin

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2004
erschienen in: das Orchester 10/2004 , Seite 80

Vielfältig ist bere­its über Musik im „Drit­ten Reich“ und über Musik in der stal­in­is­tis­chen Sow­je­tu­nion geschrieben wor­den. Oft geschah das unter dem Gesicht­spunkt von gle­ichar­ti­gen total­itären Reg­i­men mit gle­ich­er Ver­fol­gungsweise, Zen­sur und Liq­ui­dierung. Das vor­liegende Buch untern­immt den Ver­such ein­er Darstel­lung der his­torischen und 
nationalen Vorbe­din­gun­gen der Wende zum 20. Jahrhun­dert und vor allem der 20er Jahre, um mit den engen Verbindun­gen der bei­den Län­der Deutsch­land und Rus­s­land einen ver­gle­ich­baren, sys­tem­a­tis­chen Ansatz der dik­ta­torischen Entwick­lung in den Begrif­f­en „Com­mu­ni­tas – Abwe­ichung – Ver­fol­gung“ zu fassen.
Diese Trias prägt als Bezug immer wieder grundle­gend die Darstel­lung. Damit ist im NS-Staat die Idee der Volks­ge­mein­schaft als Leit­bild von „Nor­mal­ität“ gemeint (angepasster Volksgenosse – anson­sten gemein­schafts­fremd, „Kul­tur­bolschewist“ und auszuschließen). Bei Stal­ins „Sozial­is­mus“ ist ein dog­ma­tisch erstar­rter Begriff von „Klasse“ wirk­sam (ihr zu dienen im Macht­bild der Parteioli­garchie, son­st auszuschließen­der „Klassen­feind“). Auf diesem Mod­ell der „Com­mu­ni­tas“ bzw. dem bei Ein­hal­tungszwang durch­scheinen­den mehr oder min­der direkt einge­forderten Macht­in­ter­esse ließen sich dann leicht Feind­bilder propagieren. Sie bes­tim­men in bei­den Reg­i­men die Hal­tung gegen die Musik­mod­erne als ange­blichen Schutz der Volks­ge­mein­schaft und der Beschwörung von deren „Sauberkeit“, son­st: „Säu­berung“ durch Aus­gren­zung. Diese Art Ver­fol­gung geschieht – wie hier sys­temas­tisiert – in vari­anter Weise nach poli­tisch, ras­sis­tisch und ästhetisch motivierten Gesichtspunkten.
In der Anwen­dung wer­den wesentliche Unter­schiede sicht­bar gemacht und an konkreten Beispie­len dargestellt. Nicht so sehr die bekan­nten Namen der Zeit zwis­chen 1932 und 1945 in Deutsch­land (etwa Strauss, Pfitzn­er, Egk, Orff) oder solche zwis­chen 1932 und 1953 in der Sow­je­tu­nion (Schostakow­itsch, Prokof­jew, Chatschatur­jan) ste­hen im Mit­telpunkt, son­dern solche präg­nan­ter, unter Druck staatlich-parteilich­er Admin­is­tra­tion ste­hen­der Kom­pon­is­ten. In Deutsch­land geschieht die Auswahl vor­wiegend unter dem Gesicht­spunkt „jüdis­ch­er“ bzw. „nicht-arisch­er“, „marx­is­tis­ch­er“ oder „kul­tur­bolschewis­tis­ch­er“ (mod­ern avant­gardis­tisch her­vor­ge­treten­er) und somit belasteter Kom­pon­is­ten, unab­hängig von ihrer musikalis­chen Gestaltung.
In Rus­s­land dage­gen wird mehr die ästhetis­che Wirk­samkeit oder die kom­pos­i­torische Anlage der Musik bew­ertet, die erst in zweit­er Lin­ie den Kom­pon­is­ten bet­rifft. Sie muss der poli­tisch-ide­ol­o­gis­chen Vor­gabe der Konzepte der Herrschaft entsprechen. Hier­bei seien Phasen mit wech­sel­nder Beto­nung der Forderun­gen zu erken­nen. Stets aber dient die Kri­tik als Diszi­plin­ierungsvorschlag. Nur wenn nicht befol­gt oder abgewichen wurde, set­zte Ver­fol­gung und Auss­chluss ein. Da die meis­ten Kom­pon­is­ten sich bemüht­en, vor allem der „Volksver­bun­den­heit“ zu genü­gen und „mod­ernistis­che Exper­i­mente“ zu mei­den, führte Kri­tik zu ver­stärk­tem Druck und nur sel­ten zur Liq­ui­da­tion. Hier ist ein wesentlich­er Unter­schied zur Prax­is im NS-Staat zu erkennen.
Gemein­sam allerd­ings ist und bleibt die Frontstel­lung gegen „mod­erne Musik“ im Sinne avant­gardis­tis­ch­er Kom­po­si­tion­s­meth­o­d­en. In Deutsch­land ist sie „entartet“, „kul­tur­bolschewis­tisch“, in Rus­s­land eine „for­mal­is­tis­che Rich­tung“, „west­lich“, „bürg­er­lich-kap­i­tal­is­tisch“, der Massen­wirk­samkeit sozial­is­tis­ch­er Vorstel­lun­gen abträglich. In Ver­gle­ichen wer­den Prob­leme offen gelegt. Manch­mal bleibt das frag­würdig, wie z. B. bei der Ungle­ich­heit der Aus­sage und Qual­ität von Berthold Gold­schmidts Oper vom Gewalti­gen Hah­n­rei und Schostakow­itschs Kate­ri­na Ismailowa oder manchen kurz­schlüs­si­gen Fol­gerun­gen, die sich aus der osten­ta­tiv­en Weise der Anwen­dung der zugrunde gelegten sys­tem­a­tisieren­den Begriffe ergeben.
Aber es ist ein Ver­di­enst der vor­liegen­den Arbeit, grund­sät­zliche Prob­leme dik­ta­torisch bee­in­flusster Musik im 20. Jahrhun­dert in ihren Gemein­samkeit­en, aber auch deut­lichen Unter­schieden anhand authen­tis­chen Mate­ri­als vorgelegt zu haben. Für eine bre­it­ere Kreise ansprechende Pub­lika­tion allerd­ings erweist sich die Umschrift der kyril­lis­chen Namen in die kom­pliziert zu lesende Bib­lio­thekss­chrift als prob­lema­tisch. Die des Duden und die früher in der DDR übliche Steinitz’sche Umschrift ist da weniger abweisend.
 
Fried­bert Streller