Wolfgang Jansen

Musicals

Geschichte und Interpretation

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Waxmann,
erschienen in: das Orchester 05/2021 , Seite 73

Wolf­gang Jansen ent­fal­tet eine bewun­dern­swerte Pro­duk­tiv­ität. Nach sein­er Bio- und Werk­mono­grafie Willi Kol­lo und der von ihm edierten Auf­satzsamm­lung Pop­u­lar music the­atre under social­ism startete er die auf sieben oder acht Bände pro­jek­tierte Rei­he Gesam­melte Schriften zum Pop­ulären Musik­the­ater mit eige­nen, darunter eini­gen bish­er unveröf­fentlicht­en Tex­ten. Deutschsprachige Erstauf­führun­gen von Por­gy und Bess (Zürich 1945) bis Anat­ev­ka (Ham­burg 1968) mit umfan­gre­ichem Innehal­ten bei My Fair Lady und West Side Sto­ry bilden die Rück­en­wirbel des ersten Bands.

Allerd­ings lenken der Titel Musi­cals – Geschichte und Inter­pre­ta­tion und das Titel­bild der unter knall­bun­ten Schutzhel­men mit Schlagstöck­en bewaffneten Gang aus Bar­rie Koskys West Side Sto­ry-Pro­duk­tion an der Komis­chen Oper Berlin 2013 von den primären Ver­di­en­sten der Antholo­gie ab. Jansen schließt mit dieser ein Desider­at der The­atergeschichte: Der lange Weg von den let­zten Ver­renkun­gen der gen­uinen Operetten-Pro­duk­tion nach 1945 im (west-)deutschen Sprachraum bis zur flächen­deck­enden Etablierung des Musi­cals wird in einem pro­fun­den Spek­trum dargestellt. Schon die Chronik der Werke des pop­ulären Musik­the­aters im deutschsprachi­gen The­ater der West­staat­en bis 1970 ist für weit­ere Forschungsan­sätze unverzicht­bar. Seine Beiträge für das Fach­magazin Musi­cals erweit­erte Jansen um Fußnoten, verän­derte aber son­st nichts.

Die regionale, the­ater­prak­tis­che und ästhetis­che Topografie des deutschsprachi­gen Musi­cal-Entwick­lungs­lan­des zum Schwellen­land reicht bis kurz vor „Erfind­ung“ des Rock­mu­si­cals und der Rock­op­er um 1970 und der Annäherung des Musi­cals an die Popkulturen.

Zur Darstel­lung gelan­gen mit den Anfän­gen des schwyz­erdütschen Musi­cals und Rio Reis­ers Beat-Oper Robin­son 2000, die 1967 im Berlin­er The­ater des West­ens zum Totalflop wurde, auch Zeit­phänomene und regionale Spezial­nis­chen. Die durch unternehmerische Aspek­te verän­derte Sit­u­a­tion von Kom­pon­is­ten in den 1960er Jahren wird eben­so the­ma­tisiert wie die erst durch Ver­bre­itung der Vinyl-Langspielplat­te mögliche Pro­mo­tion von Musi­cals mit Orig­i­nal-Cast-Ein­spielun­gen und musikalis­chen (Fast-)Gesamtaufnahmen.

Vor allem macht Jansens Auf­satzsamm­lung eine schi­er unbändi­ge Lust auf musikalis­che Aben­teuer­suchen in Sphären neben den berühmten Schlager­ster­nen, ‑sternchen, Elvis-Begeis­terung und Volksmusik. Dazu gehören auch die Neuori­en­tierung von Stars des „Drit­ten Reichs“ wie Mari­ka Rökk zwis­chen Hel­lo Dol­ly und Wirbel um Rosi (Wien 1959) oder Zarah Lean­der in Peter Kreud­ers Musi­cal-Komödie Madame Scan­daleuse. Man erfährt vom frühen Bemühen der Reper­toire-The­ater um die amerikanis­chen Büh­nen­werke von Kurt Weill, das danach fast bis zur Jahrtausendwende ins Stock­en geri­et, und erhält einen Ein­druck von den enor­men Umbrüchen des pop­ulären Musik­the­aters nach 1950. Dabei hat­te dieses für das Kul­turleben weitaus umfassendere Kon­se­quen­zen als die Nis­chen-Inno­va­tio­nen etwa der Darm­städter Ferienkurse und Donaueschinger Musiktage.

Roland Dip­pel