Pēteris Vasks

Musica Serena/ Musica Dolorosa/ Musica Appassionata/ Klātbūtne

Anna-Maria Palii (Sopran), Uladzimir Sinkevich (Violoncello), Münchner Rundfunkorchester, Ltg. Ivan Repušić

Rubrik: CDs
Verlag/Label: BR Klassik 900336
erschienen in: das Orchester 10/2021 , Seite 79

Pēteris Vasks zählt zweifel­los zu den großen Kom­pon­is­ten­per­sön­lichkeit­en der Jet­ztzeit, die – was erstaunt – fast samt und son­ders dem Baltikum entsprossen sind. Ganz so, als seien mit der osteu­ropäis­chen Wende erst so recht die Schleusen geöffnet wor­den: Arvo Pärt, Anti Mar­guste, Erk­ki-Sven Tüür, Bro­nius Kutavičius, Osval­das Bal­akauskas und eben Pēteris Vasks!
Wenn wir das Bild vom Öff­nen der Schleusen bemühen, so fällt die Musik sein­er Musi­ca Appas­sion­a­ta ger­ade so über den Hör­er her, gewaltig, alles mit sich reißend – obwohl hier „nur“ ein Stre­i­chorch­ester am Werk ist. Vasks ver­schafft sich Gehör auch ohne Wag­n­er-Tuben, gebiert Dra­matik auch ohne dumpf grum­mel­nde Pauken. Und das ist kein Zufall. Der Kom­pon­ist, der sich selb­st neben dem Klavier auch an der Vio­line und dem Kon­tra­bass geübt hat, beken­nt seine beson­dere Liebe für die Stre­ich­er. Und das merkt man auch jed­er sein­er liebevoll, wenn auch in düsteren Far­ben aus­ge­mal­ten Kom­po­si­tio­nen an.
Zen­trales Werk auf der vor­liegen­den CD ist das zweite, mit Klāt­būtne („Präsenz“) über­schriebene, fün­f­sätzige Cel­lokonz­ert, das Vasks 2012 für Sol Gabet­ta kom­poniert hat. Das Konz­ert begin­nt ungewöhn­licher­weise mit ein­er fast 40(!)-sekündigen Gen­er­al­pause, bevor aus ihr dann ganz langsam das ein­same Cel­lo mit der „Caden­za I“ auf­taucht. Ins­ge­samt erin­nert Klāt­būtne an einige Kom­po­si­tio­nen Hen­ryk Góreck­is, im zweit­en Satz ins­beson­dere an dessen pop­uläre 3. Sin­fonie („Sin­fonie der Klagelieder“), ohne diese indes zu kopieren.
Uladz­imir Sinke­vich, seines Zeichens Solo­cel­list beim Münch­n­er Rund­funko­rch­ester, erzeugt mit seinem sang­haften und weichen Spiel in Verbindung mit dem hellen Sopran Anna-Maria Pali­is eine hin­reißende Poly­fonie, die unter die Haut geht. Das Münch­n­er Rund­funko­rch­ester bringt den Kom­po­si­tio­nen eine bemerkenswerte Empathie ent­ge­gen, die von Ivan Repušić durch sein lei­den­schaftlich­es und äußerst trans­par­entes Diri­gat unter­strichen wird.
Vasks spricht davon, in seinen Werken zu „predi­gen“, was bei dem Sohn eines Geistlichen nicht ver­wun­dern muss. Aber es ist eine Predigt, spir­ituell und den­noch grif­fig, auf den Punkt gebracht, mah­nend und vor allem ganz ohne Pathos. Mah­nend in dem Sinne, dass Vasks sich (und uns) wün­scht, man müsse Zeit find­en, „unsere Blicke in die Rich­tung stern­klar­er Unendlichkeit zu lenken“ anstelle nach stets Neuem zu gieren.
Das Bei­heft ist recht infor­ma­tiv, wenn auch nicht ganz fehler­frei: Da ist die Rede von der ein­sti­gen „sow­jetis­chen Fremd­herrschaft“, während der „die let­tis­che Sprache ver­boten“ gewe­sen sei. Wäre das der Fall gewe­sen, hätte sie der Rezensent in den 1970er und 1980er Jahren nicht ler­nen kön­nen… Gle­ich­wohl: Das Ken­nen­ler­nen dieser ganz beson­deren Musik ist ein Muss!
Friede­mann Kluge