Leopoldo Siano

Musica Cosmogonica von der Barockzeit bis heute

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Königshausen & Neumann
erschienen in: das Orchester 06/2021 , Seite 60

Der ital­ienis­che Musikphilosoph Leopol­do Siano (*1982) lehrt seit 2012 am Musik­wis­senschaftlichen Insti­tut der Uni­ver­sität zu Köln. In seinem neuesten Buch stellt er sich die Frage: Wie klingt der Anfang der Welt? Spielt doch der Klang in zahlre­ichen Schöp­fungsmythen unter­schiedlich­er Kul­turen eine entschei­dende Rolle. Dieses Buch ver­ste­ht sich als eine Reise durch die abendländis­che Musikgeschichte der ver­gan­genen Jahrhun­derte aus kos­mogo­nis­ch­er Sicht. Durch die Betra­ch­tung von Werken der west­lichen Kul­tur­musik ver­sucht Siano her­auszuar­beit­en, mit welchen musikalis­chen Mit­teln die ver­schieden­sten Kom­pon­is­ten es jew­eils unter­nom­men haben, die Weltschöp­fung zu evozieren und auf welche Klan­gar­che­typen sie zurück­grif­f­en, um den Anfang aller Dinge akustisch darzustellen.
Aus­führlich betra­chtet Siano die unter­schiedlichen religiösen und philosophis­chen Schöp­fungs­the­o­rien und spürt ihnen in der Musikgeschichte nach. Die Kapitelti­tel „Der jüdis­che Mythos“, „Musikalis­che Visio­nen der Wel­tentste­hung aus dem Geist des alten Indi­en“ oder „Kos­mogo­nien aus Afri­ka und Ameri­ka“ zeigen, wie inten­siv er die ver­schiede­nen Welt­sicht­en zu erkun­den sucht; auch der Urk­nall und das Natur­erwachen kom­men nicht zu kurz.
So eröffnet Charles Ives’ The Unan­swered Ques­tion das Buch, in der Folge bre­it­et Siano eine Vielfalt an Werken jen­seits von Haydns Schöp­fung, Mil­hauds La Créa­tion du monde oder ander­er kanon­is­ch­er Werke vor dem Leser aus, von Jean-Féry Rebels Sym­phonie Les Elé­mens (1737) bis zu Stock­hausens Mon­tags-Gruß (1986–88) oder der neun­ten Sym­phonie (2009) des Aktion­skün­stlers Her­mann Nitsch.
Sianos Buch ist konzep­tionell auss­chließlich auf die Kapitelthe­men aus­gelegt – das Fehlen eines Reg­is­ters erweist sich so lei­der als schwere Nutzungs­beein­träch­ti­gung; Quer­bezüge inner­halb ein­er musikalis­chen Kul­tur muss der Leser während der durchge­hen­den Lek­türe selb­st her­stellen. Manche Kom­po­si­tio­nen wer­den mit etwas Gewalt in die Konzep­tion des Buch­es eingear­beit­et, häu­fig auch nur punk­tuell, ohne zu prüfen, ob die musikalis­chen Man­i­fes­ta­tio­nen auch für den argu­men­ta­torischen Fluss nach­haltig geeignet sind. Umgekehrt eröffnet die Beschränkung ein­er­seits auf einige Haupt­stränge der Musikgeschichte, ander­er­seits auf beson­dere Entwick­lun­gen der neueren und neuesten Musik nur in ganz unter­schiedlichem Maße neue Per­spek­tiv­en. Es muss erstaunen, warum fast die gesamte geistliche Musik, aber auch wesentliche west­lich-tran­szen­den­tal denk­ende Kom­pon­is­ten keine hin­re­ichende Berück­sich­ti­gung find­en. So vielfältig die herange­zo­ge­nen Beispiele auf den ersten Blick auch sein mögen, let­z­tendlich erscheinen sie eher beliebig denn zwangsläufig.
Ein beson­deres Manko der Pub­lika­tion ist ihre Ausstat­tung. Neben dem fehlen­den Reg­is­ter ist es vor allem die min­dere Qual­ität der Noten­beispiele und Abbil­dun­gen sowie ihrer Leg­en­den. Schade, dass in diesem Arbeits­bere­ich so deut­lich an Mühen und Liebe zum Detail ges­part wor­den ist.
Jür­gen Schaarwächter