Louise Farrenc

Music for Violin and Piano

Daniele Orlando (Violine), Linda Di Carlo (Klavier)

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Brilliant Classics
erschienen in: das Orchester 03/2022 , Seite 76

Dass Luise Far­rencs Kom­po­si­tio­nen immer noch zum Nis­chen­reper­toire gehören, ist eigentlich skan­dalös. Die hier ver­sam­melten Werke für Vio­line und Klavier kün­den vom hohen musikalis­chen Anspruch und kom­pos­i­torischen Niveau, mit dem die Kom­pon­istin Mitte des 19. Jahrhun­derts eine für die franzö­sis­che Musik dieser Zeit eher untyp­is­che Gat­tung bedi­ente. Zwei Jahrzehnte, bevor die Sonate mit den groß­for­mati­gen Werken der männlichen Kol­le­gen Camille Saint-Saëns, Gabriel Fau­ré oder César Franck in Frankre­ich eine neue Blüte erre­ichte, set­zte Far­renc auf eine den vor­ro­man­tis­chen Tra­di­tio­nen verpflichtete Ver­mit­tlung von architek­tonis­chem Eben­maß und musikalis­chem Aus­druck und schuf auf dieser Grund­lage zwei sehr unter­schiedliche Werke.
Daniele Orlan­do und Lin­da Di Car­lo haben ein aus­ge­sprochen gutes Gespür dafür, im gemein­samen Musizieren die Qual­itäten dieser Kom­po­si­tio­nen her­auszuar­beit­en. Ihre Wieder­gabe der Sonate Nr. 1 c‑Moll op. 37 (1848) wartet zunächst mit ein­er klang­far­blich fahl geze­ich­neten Ein­leitung auf, deren Stim­mung dann im Ver­lauf des Kopf­satzes ins Drama­tis­che hinein ver­tieft wird. Während die Inter­pre­ten in den Vari­a­tio­nen des Pocoad­a­gio-Mit­tel­satzes geschickt den kon­trastieren­den Stim­mungswech­seln der Musik nach­lauschen, bet­ten sie diese Aus­drucks­bere­iche im Finale in eine vor­wärts­drän­gende Gesam­ten­twick­lung ein, die sich am Ende unnachgiebig im Moll-Charak­ter festhakt.
Die vier­sätzige Sonate Nr. 2 A‑Dur op. 39 (1850) wirkt demge­genüber „klas­sis­ch­er“ und bringt die gesan­glich-melodis­che Ent­fal­tung mit einem freizügi­gen har­monis­chen Schweifen und dem Erforschen von emo­tionalen Zwis­chen­bere­ichen zusam­men, wobei sorgfältig artikuliertes Klavier­spiel und nuan­cen­re­iche geigerische Klangge­bung sehr gut aufeinan­der abges­timmt sind. Momente wie der fast im Vorüberge­hen sich ereignende Reprisenein­tritt des Kopf­satzes gehören zu den Höhep­unk­ten ein­er Inter­pre­ta­tion, die hier – wie später auch im langsamen Satz und der klangvoll mit Dop­pel­grif­f­en angere­icherten Kan­ti­lene im Mit­tel­teil – am Pri­mat der Kantabil­ität fes­thält. Das rhyth­misch raf­finierte a‑Moll-Scher­zo mit seinen wie Zah­n­räd­chen ineinan­der­greifend­en Instru­men­tal­parts und der von einem Gigue-Rhyth­mus beherrschte Final­satz zeu­gen darüber hin­aus von der Präzi­sion des Duos.
Ein­geleit­et wird die Pro­duk­tion mit den 1835 ent­stande­nen Vari­a­tions con­cer­tantes sur une mélodie suisse op. 20, die, obgle­ich auf­grund ihres Charak­ters eher leicht­gewichtig, durch gle­ich­berechtigte Ver­wen­dung bei­der Instru­mente für sich ein­nehmen. Die Inter­pre­ten stellen das Weit­er­re­ichen von The­menteilen und das gemein­same Fort­spin­nen der musikalis­chen Bausteine in den Vorder­grund. Allerd­ings erhal­ten die Neben­lin­ien im Vio­lin­part zu viel Bedeu­tung, wenn Orlan­do sie mit allzu kräftiger Tonge­bung hervorkehrt.
Etwas störend ist auch die in ihrer Gesamtheit rau anmu­tende Auf­nah­me­tech­nik der CD, die ger­ade in diesem Stück den Klavierk­lang gele­gentlich ver­waschen wirken lässt.
Ste­fan Drees