Mozart, Salieri

Mozart : Salieri Rivalry?

Prague Sinfonia Orchestra, Ltg. Christian Benda

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Sony Classical 19075919592, 2 CDs
erschienen in: das Orchester 07-08/2019 , Seite 70

Anto­nio Salieri war ein äußerst kluger Kopf. Zugle­ich musikalisch ver­siert und im Leben beschei­den. Beru­flich stand er über Jahrzehnte in höch­ster Posi­tion. Er erhielt alle Ehren, die ein Musik­er von Zeitgenossen bekom­men kon­nte, und war eine Insti­tu­tion in Wien, dem Nabel der dama­li­gen Musik­welt. Er schuf Werke, die über Jahre in den Spielplä­nen der europäis­chen Opern­häuser zu find­en waren und die ihre Epoche prägten. Er unter­richtete die Großen der kom­menden Gen­er­a­tion: Schu­bert, Beethoven oder Berlioz. Er wurde 75 Jahre alt, und als er starb, wur­den seine Werke kurz darauf fast ganz vergessen. (Timo Jouko Her­rmann hat das Wenige, das man konkret über Salieri weiß, ger­ade in ein­er kleinen Biografie zusam­menge­fasst; Morio Ver­lag Hei­del­berg.)

Mozart war in ziem­lich allem genau das Gegen­teil: ein genialer Hitzkopf, ein musikalis­ches Mirakel von Anfang an, im Leben ein Chaot. Er hielt sich an keine Regeln und beherrschte alle musikalis­chen Regeln im Schlaf. Er blieb in sein­er Zeit oft unver­standen und wurde nicht ein­mal halb so alt wie sein Kol­lege. Aber seine Werke wur­den schnell zum ewigen Reper­toire in jed­er Sparte der Musik: Mozart ist und bleibt let­ztlich unerk­lär­lich. Auch Salieri bewun­derte ihn. Dass ger­ade dieser ihn ermordet haben soll, ist eine Erfind­ung der Nach­welt, die den Rivalen, der kein­er war, diskred­i­tieren sollte.

Mozart und Salieri, die nach neuester Forschung auch zusam­me­nar­beit­eten, sind ein ungle­ich­es Paar der Musikgeschichte. Sie gegeneinan­der antreten zu lassen, auf der The­ater­bühne oder im Konz­ert, hat meist den gle­ichen Effekt: Salieris Werk ist inter­es­sant im Detail, rou­tiniert in der Form und gele­gentlich bemerkenswert in der Ins­trumentation oder im Aus­druck; es liefert im Ganzen aber sel­ten mehr als Dutzend­ware für ein Pub­likum, das unter­hal­ten wer­den will. Seine Ouvertüren und instru­men­tal­en Zwis­chen­spiele für seine Opern sind sel­ten mehr als das: Ein­führungsstücke und Über­brück­un­gen für Umbau­pausen, musikalisch elo­quent, heit­er im Ges­tus und rou­tiniert in der Kom­po­si­tion.

Mozart sper­rt sich dage­gen solche Art der Neben­beimusik. Seine Ouvertüren und Sin­fonien gehen sofort ins Mark. Sie bit­ten nicht um Stille im Saal, sie lassen jedes Gerede im Keim erstick­en. Hier wird nicht um der guten Laune willen musiziert, hier wer­den Kämpfe gefocht­en. Selb­st heit­eres Dur färbt sich düster, und beiläu­fig erscheinende Floskeln wer­den drama­tis­che Kern­mo­tive. Mozart spaßt nicht, während Salieri eben doch nur gepflegte Unter­hal­tung wün­scht.

So führt die direk­te Kon­fronta­tion der Musik dieser bei­den Klas­sik­er, wie es nun die Sony-Dop­pel-CD des impul­siv auf­spie­len­den Prague Sin­fo­nia Orches­tra unter der klan­glich trans­par­enten Leitung von Chris­t­ian Ben­da dar­bi­etet, zum vorherse­hbaren K.O. des Ital­ieners. Zumal auf einem Ter­rain, das Salieri offen­sichtlich mied: der reinen Instru­men­tal­musik. In der Vokalmusik hätte ein solch­er Kampf eventuell sog­ar die Chance auf ein Unentsch­ieden.

Matthias Roth