Arvo Pärt

Mozart-Adagio

für Klarinette, Violoncello und Klavier, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Universal Edition
erschienen in: das Orchester 01/2019 , Seite 66

Den Stel­len­wert des est­nis­chen Kom­pon­is­ten Arvo Pärt zeigt die im Okto­ber 2018 in seinem Heimat­land erfol­gte Eröff­nung eines eige­nen Musikzen­trums in Laulas­maa, wenige Kilo­me­ter west­lich der Haupt­stadt Tallinn.
Der 1935 geborene, pro­fil­ierteste Kom­pon­ist seines Lan­des hat zu einem indi­vidu­ellen Stil gefun­den, aber auch mitunter in seinen Kom­po­si­tio­nen Bezug auf ältere Kom­pon­is­ten genom­men, so in seinem Orch­ester­w­erk Wenn Bach Bie­nen gezüchtet hätte und im Cre­do. Das kam­mer­musikalis­che Schaf­fen Pärts ist weniger präsent als seine Chor- und Orch­esterkom­po­si­tio­nen und somit bietet das Mozart-Ada­gio von 1992 die Chance, Pärt auch in diesem Genre öfter zu Gehör zu brin­gen.
Das sechsminütige Mozart-Ada­gio wurde vom Helsin­ki Fes­ti­val für das „Kalich­stein-Lare­do-Robin­son Trio“ in der Beset­zung mit Vio­line, Vio­lon­cel­lo und Klavier in Auf­trag gegeben. Es ent­stand in Erin­nerung an den 1990 ver­stor­be­nen rus­sis­chen Geiger Oleg Kagan, mit dem Pärt eine Fre­und­schaft ver­band. Da Kagan eine beson­dere Liebe für Mozart hat­te, wählte Pärt den langsamen Satz aus Mozarts Klavier­son­ate KV 280, um ihm unter Anver­wand­lung von Eigen­em zu gedenken. Der orig­i­nal in f-Moll ste­hende Satz, übri­gens der einzige in Moll ste­hende langsame Satz aus Mozarts Klavier­son­at­en, ist ein mit großer Aus­druck­stiefe gestal­tetes Sicil­iano aus der Fed­er des ver­mut­lich 18-jähri­gen Mozart.
Das Mozart-Ada­gio liegt jet­zt in ein­er Ver­sion mit Klar­inette anstelle der Vio­line vor. Das Stück begin­nt mit ein­er von Pärt hinzuge­fügten acht­tak­ti­gen, mit Pausen durch­set­zten Intro­duk­tion von Vio­lon­cel­lo und Klar­inette, die mit weni­gen Tönen auf das Aus­druckspoten­zial des fol­gen­den The­mas mit sein­er charak­ter­is­tis­chen kleinen Sekunde vor­bere­it­et. Während das Klavier den größten Teil des orig­i­nalen Noten­texts behält, ver­stärken die Melodie­in­stru­mente zunächst die Har­monik, übernehmen dann auch Par­tien des orig­i­nalen Klavier­satzes, aber vor allem schär­fen sie mit zusät­zlichen Dis­so­nanzen den Ton­satz.
Die orig­i­nale Dynamik mit häu­figem Forte-Piano-Wech­sel wird zunächst von Pärt ignori­ert und zu einem ein­heitlichen Piano niv­el­liert. Im let­zten Drit­tel der Kom­po­si­tion wird der Mozart’sche Satz durch die Musik­sprache Pärts inten­siv­er über­lagert. Der Klan­graum wird bis in den äußer­sten Diskant­bere­ich aus­geweit­et und es gibt Anklänge an den Tintinnab­u­li-Stil, ehe die Musik sich wieder stärk­er Mozart annähert und in der hinzuge­fügten knap­pen Coda an die Intro­duk­tion erin­nert wird.
Pärt ver­tieft stel­len­weise Mozarts Satz, verdichtet den Aus­druck und schafft mit ganz per­sön­lichen stilis­tis­chen Ele­menten auf eine ein­fühlsame Art eine ergreifende und dem Trauerges­tus entsprechende Musik, die bis auf einige Spitzen­töne der Klar­inette (d4!) die Inter­pre­ten weniger tech­nisch als vor allem musikalisch fordert. Die Uni­ver­sal Edi­tion hat vor­bildlich anstelle von Einzel­stim­men Stimmhefte für die Melodie­in­stru­mente erstellt.
Herib­ert Haase