Yasutaki Inamori

Motus intervallorum

Three Studies für Violine und Klavier, Klavierauszug und Stimme

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Edition Gravis, Brühl 2021
erschienen in: das Orchester 10/2021 , Seite 74

Motus inter­val­lo­rum (Inter­vall­be­we­gun­gen) nen­nt Yasu­ta­ki Inamori (*1978) seinen 2020 kom­ponierten und uraufge­führten Zyk­lus von Stück­en für Vio­line und Klavier. Der Unter­ti­tel „Three Stud­ies“ ver­weist darauf, dass es darin – zumin­d­est äußer­lich – um Erkun­dun­gen bes­timmter spiel­tech­nis­ch­er Prob­lem­stel­lun­gen geht. Tat­säch­lich wid­met sich jedes einzelne der drei Stücke, den Vor­bildern aus der anspruchsvollen Etü­den- und Capri­cen-Lit­er­atur entsprechend, ein­er indi­vidu­ellen Fragestel­lung, umkreist sie auf unter­schiedliche Weise, lotet ihre Möglichkeit­en aus und sucht dabei zugle­ich nach damit ver­bun­de­nen Ausdrucksmöglichkeiten.
Dabei ist – auch dies hat Inamor­is Zyk­lus mit der Etü­den-Tra­di­tion früher­er Zeit­en gemein­sam – die Konzen­tra­tion auf rel­a­tiv wenige Aus­drucksmit­tel charak­ter­is­tisch: Sie ste­ht für den Ver­such, aus der Beschränkung her­aus ein Max­i­mum an Var­i­anz zu erzeu­gen und die zugrun­deliegen­den Gedanken per­ma­nent umzuwen­den, zu verän­dern und zu ent­fal­ten. Die inter­val­lis­chen Bausteine wer­den dabei wie unter einem Mikroskop betra­chtet und zunächst auf eng­stem Raum präsen­tiert, bevor sich die Per­spek­tive ändert und weit­er auseinan­der­liegende Ton­räume erschlossen wer­den. Dass sich dieser Prozess über alle drei Stücke erstreckt, macht den zyk­lis­chen Charak­ter von Motus inter­val­lo­rum aus und spricht unbe­d­ingt für eine geschlossene Wiedergabe.
Für die Vio­line bedeutet dies alles zunächst ein­mal die Anpas­sung an ein generell sehr hohes Ver­lauf­stem­po und dessen Aus­fül­lung mit engschrit­ti­gen Inter­vall­be­we­gun­gen durch Ein­bindung von Viertel­ton­in­ter­vallen, dann aber auch die Inte­gra­tion von Sait­en­wech­seln, Arpeg­gien, ela­bori­erten Grifftech­niken im Über­gangs­feld von Fla­geo­lett und Geräusch, kom­plex­en Pizzi­ca­to-Tech­niken sowie engen und weit­en Glis­san­di auf engem Raum, was pas­sagen­weise durch kon­trol­liertes Spiel mit erhöhtem bis starkem Bogen­druck angere­ichert wird.
Demge­genüber bleibt die Klavier­stimme – sieht man von gele­gentlich aus­ge­feil­teren Ped­al­isierun­gen ein­mal ab – eher kon­ven­tionell, da die Ein­beziehung erweit­ert­er Spiel­tech­niken im Grunde auf die Bespielung der Tas­tatur-Außen­seite mit Fin­gernägeln zur Her­vor­bringung eines Guero-Effek­ts beschränkt bleibt.
Dass das Klavier den­noch nicht zweitrangig und zur bloßen Begleitung degradiert ist, ergibt sich aus sein­er Funk­tion als eigentlich­er Motor des Geschehens, denn seine fließende Aus­fül­lung des metrischen Gerüsts dient als Aus­gangspunkt und Impuls­ge­ber für das enge zah­n­radar­tige Ineinan­der­greifen bei­der Instru­men­tal­parts in kom­ple­men­tären rhyth­mis­chen Ver­läufen oder in der Übere­inan­der­schich­tung rhyth­misch iden­tis­ch­er Lin­ien. Da diese Machart wed­er in den Einzel­stim­men noch im Zusam­men­spiel irgendwelchen Raum für Schwächen lässt, son­dern ein Höch­st­maß an Präzi­sion bei der Wieder­gabe erfordert, set­zen Inamor­is Stu­di­en auf jeden Fall eine pro­fes­sionelle Beherrschung der Instru­mente voraus.
Ste­fan Drees