Yorck Kronenberg

Mondariz

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Dörlemann
erschienen in: das Orchester 09/2020 , Seite 83

An ein­er Stelle hat der Kom­pon­ist über den schon ins Choral­hafte gesteigerten Klavier­satz das kom­plette Sopran­the­ma des Beginns geschrieben, nicht aber in das Klavier­sys­tem, […] son­dern in eine eigene Noten­zeile darüber. Es bleibt offen, ob dieser melodis­che Rück­griff gle­ich­sam virtuell, also nur ‚gedacht‘ zu bleiben hat […] Oder soll der Pianist sin­gen? Mit zwei Hän­den spie­len lässt sich die Stelle jeden­falls nicht. Dabei markiert sie den Höhep­unkt des Stück­es, den Über­tritt von der Welt des Klangs ins Ideelle oder Tran­szen­dente.“ Bei der Kom­po­si­tion, von der hier die Rede ist, han­delt es sich um die Klavier­vari­a­tio­nen von José Diego Coim­bra (1824–1865), der sein Leben lang den Ort sein­er Geburt, die im Südat­lantik gele­gene Insel Mon­dariz, nicht ver­lassen und dort ein kom­pos­i­torisches Werk geschaf­fen hat, das von äußer­lichen Ein­flüssen unberührt ent­stand und sein­er Zeit weit voraus ist. Coim­bra und sein Werk zu erforschen, hat sich der Ich-Erzäh­ler des Romans, ein junger Musik­wis­senschaftler aus Berlin, auf den Weg gemacht.
Doch ist es nicht seine erste Reise nach Mon­dariz: Bere­its vor zehn Jahren besuchte er die Insel zusam­men mit sein­er dama­li­gen Fre­undin. Seit dieser Zeit sind sie ein Paar, doch nun befind­et sich ihre Beziehung in ein­er schw­eren Krise. So ist der Erzäh­ler nicht nur auf der Suche nach Spuren des Kom­pon­is­ten Coim­bra, son­dern auch auf ein­er Reise in seine eigene Ver­gan­gen­heit. Yor­ck Kro­nen­berg ist nicht nur Autor, son­dern auch Kom­pon­ist und Pianist. Seine Sprache ist ruhig, zurück­hal­tend – und doch erre­ichen seine Beschrei­bun­gen immer wieder einen Grad an Poe­sie und geheimnisvoller Kraft, die den im Ein­gangsz­i­tat beschriebe­nen „Geis­ter­stim­men“ Coim­bras gle­ichen.
Wie Coim­bra ist auch Kro­nen­berg auf der Suche nach dem „Über­tritt von der Welt des Klangs ins Ideelle oder Tran­szen­dente“. Unter der Ober­fläche des Offen­sichtlichen stoßen der Autor und sein lit­er­arisches Alter Ego des forschen­den
Musik­wis­senschaftlers auf Ver­schüt­tetes in der Geschichte der Insel Mon­dariz und ihrer Bewohn­er. Dass Kro­nen­berg dabei mehr Fra­gen aufwirft, als Antworten zu geben, ist dur­chaus sym­pa­thisch in ein­er Zeit, in der zu viele meinen, sie wüssten, was wahr und unwahr ist. Den­noch zer­fließt dem Autor die Erzäh­lung gegen Ende, zu viele Ideen wer­den angeris­sen, zu viele Stränge flat­tern unver­bun­den im Gedanken­strom. In seinem raf­finierten Spiel von Fik­tion und Real­ität ver­liert Kro­nen­berg ab und an das Maß, wenn er etwa im Roman den Ich-Erzäh­ler auf „den deutschen Pianis­ten Yor­ck Kro­nen­berg“ tre­f­fen lässt.
Der reale Pianist Yor­ck Kro­nen­berg nimmt immer wieder Kom­po­si­tio­nen von Coim­bra in seine Konz­ert­pro­gramme auf – die man bei anderen Pianis­ten verge­blich suchen wird. Und auch die Insel Mon­dariz ver­steckt sich zu gut im Südat­lantik, um von uns besucht wer­den zu kön­nen. Doch sind Coim­bra und Mon­dariz deshalb nicht real? „Man kann etwas beschreiben, das es nicht gab“, so Kro­nen­berg. “Aber alles, das man beschreibt, lebensvoll und sinnlich und wirk­lich beschreibt, gibt es.“

Rüdi­ger Behschnitt