Werke von Zimmermann, Dallapiccola, Dutilleux und anderen

Modern Times Edition

Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, Ltg. Karl-Heinz Steffens

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Capriccio C7337
erschienen in: das Orchester 09/2020 , Seite 92

Wenn man – was eigentlich sin­nvoll ist – zwis­chen Mod­ern­er Musik, Neuer Musik und Jet­zt-Musik unter­schei­det, dann passt der Titel “Mod­ern Times Edi­tion” auf die Zusam­men­stel­lung von Werken aus der Zeit von Beginn des ver­gan­genen Jahrhun­derts bis in die 1970er Jahre. Jew­eils eine der zehn CDs ist Bernd Alois Zim­mer­mann, Lui­gi Dal­lapic­co­la, Hen­ri Dutilleux, Alber­to Ginastera, Karol Szy­manows­ki, George Antheil, Ralph Vaugh­an Williams, Dmitrij Kabalevskij, Ernst Krenek und Paul Hin­demith gewid­met – also keinem Kom­pon­is­ten aus der Post-Darm­stadt-Ära.
Mit Aus­nahme der Hin­demith- Disc sind alle anderen CDs beim Label Capric­cio bere­its veröf­fentlicht wor­den, das nun diese Box inklu­sive ein­er Bonus-DVD für rund 30 Euro her­aus­ge­bracht hat: ein Schnäp­pchen. Und das nicht nur peku­niär, son­dern auch im Hin­blick auf das Reper­toire, denn nicht die häu­fig gespiel­ten Klas­sik­er der Mod­erne wie Béla Bartók, Igor Strawinksy oder Arnold Schön­berg ste­hen im Zen­trum, son­dern die Großen aus der zweit­en Rei­he.
Von 15 der 42 Werke waren im Mai 2020 laut Titel­suche bei Ama­zon derzeit keine weit­eren Ein­spielun­gen auf CD im Han­del erhältlich – unter anderem Bernd Alois Zim­mer­manns von Straw­in­sky bee­in­flusste Bal­lettmusik “Alagoana”, Lui­gi Dal­lapic­co­las “Par­ti­ta per Orches­tra”, Ernst Kreneks “Sieben Orch­ester­stücke” oder seine “Tricks and trif­fles” und fünf Werke des einst in der Sow­je­tu­nion gefeierten Dmitrij Kabalevskij: alle­samt ent­deck­enswertes Reper­toire. Ander­er­seits lohnt sich der Ver­gle­ich mit konkur­ri­eren­den Ein­spielun­gen. So benötigt Heinz Stef­fens für George Antheils Jazz” Sym­pho­ny” zwölfein­halb Minuten, während Ingo Met­z­mach­er mit dem Phil­har­monis­chen Staat­sor­ch­ester Ham­burg nach weniger als acht Minuten eine Ver­sion mit wesentlich mehr Dynamik und Dri­ve vorgelegt hat. Ähn­lich fällt auch der Ver­gle­ich bei Zim­mer­manns Sin­fonie in einem Satz aus: Hier dirigiert Met­z­mach­er die Bam­berg­er Sym­phoniker mit enormer Kraft, während Stef­fens Ver­sion eher betulich aus­fällt. Diese Zurück­hal­tung zieht sich durch: Stef­fens bevorzugt einen eher langsamen und getra­ge­nen Sound, der sich auch in der Auf­nah­me­tech­nik spiegelt, denn die einzel­nen Instru­menten­grup­pen, ins­beson­dere die Stre­ich­er, wur­den oft stumpf und ohne klare Kon­turen sowie mit geringer Dynamik aufgeze­ich­net.
Den­noch ist es ein enormes Ver­di­enst, dass Karl-Heinz Stef­fens und die Deutsche Staat­sphil­har­monie Rhein­land-Pfalz über Jahre hin­weg das rare Reper­toire in den Konz­ert­saal und auf Ton­träger gebracht haben. Ent­standen sind die Auf­nah­men in den Jahren 2014 bis 2019 im Rah­men ein­er Konz­ertrei­he, deren Part­ner der SWR und Deutsch­landra­dio Kul­tur waren.
Ganz neben­bei, aber wichtig: Die öffentlich-rechtlichen Rund­funkanstal­ten haben mit ihren Musikpro­duk­tio­nen eine enorm wichtige Rolle im Kul­turleben über­nom­men. Ohne diese gebühren­fi­nanzierten Ein­rich­tun­gen wäre die Kul­turszene ärmer.

Wern­er Stiefele