Leopold Mozart

Missa Solemnis

Arianna Venditteli, Sophie Rennert, Patrick Grahl, Ludwig Mittelhammer, Das Vokalprojekt, Bayerische Kammerphilharmonie, Ltg. Alessandro De Marchi

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Aparte
erschienen in: das Orchester 10/2019 , Seite 62

Blind­test: Mit einem Triller hört die Chor-Ein­leitungsse­quenz des „Kyrie elei­son“ auf, die, nur vom Con­tin­uo begleit­et, nach weni­gen Tak­ten endet und an frühe Vokalpoly­fonie im Gen­er­al­bass-Kleid des Barocks erin­nert. Dann set­zt unver­mit­telt das Orch­ester mit Stre­ich­ern und Bläsern ein, in fröh­lichem C-Dur, und man ahnt: Ah, Mozart-Zeit! Das „Glo­ria“ set­zt die Mis­sa wie üblich mit Pauken und Trompe­ten fort, das „Lau­damus te“ ist eine lyrische Sopran-Arie mit Stre­ich­ern und Hörn­ern. Eine wun­der­bare Musik, die einem völ­lig ver­traut scheint und die man den­noch auch mit viel Hör­erfahrung im Gepäck nicht konkret zuord­nen kann. Selb­st langge­di­ente Musik­er oder Musik­lehrer kapit­ulieren im Blind­test bei der Frage: Wer hat das kom­poniert? Selt­sam. Warum ken­nt man ein solch­es Werk nicht? Auch der weit­ere Ver­lauf zeigt, es muss sich um einen Kom­pon­is­ten han­deln, der in der Musikgeschichte bewan­dert war, der die Werke Hän­dels und auch Bachs („Cruz­i­fixus“) kan­nte – selb­st jene, die schätzungsweise in der Mitte des 18. Jahrhun­derts nicht zum gängi­gen Reper­toire gehörten so wie heute. Und seine ver­mut­lichen Zeitgenossen Haydn und Mozart kan­nte er aus dem Eff­eff. Das Werk stellt wed­er an den Chor noch an das klas­sisch beset­zte Orch­ester außeror­dentliche Anforderun­gen, die vier Vokalsolis­ten sowie die solis­tisch her­vortre­tenden Instru­men­tal­is­ten soll­ten, wie bei dieser bril­lanten Auf­nahme zu hören, koloraturen- bzw. verzierungs­ge­wandt sein. Man fragt sich, warum wohl ein solch­es Stück von ca. 50 Minuten Auf­führungs­dauer so unbekan­nt geblieben ist. Irgendwelche außer­musikalis­chen Umstände rück­ten den Schöpfer offen­bar in die zweite oder dritte Rei­he, denn an der Musik selb­st kann es nicht gele­gen haben. Es han­delt sich, um den Rät­sel­bo­gen nicht zu überspan­nen, um die Mis­sa Solem­nis von Leopold Mozart, die „Das Vokal­pro­jekt“ und die Bay­erische Kam­mer­phil­har­monie unter Allessan­dro de Marchi nun auf CD ein­spiel­ten. Endlich, möchte man aus­rufen, denn dieses Werk, bei Carus ver­legt, har­rt der Auf­führun­gen. Es ist vor 1764 ent­standen und zeigt den Kirchenkom­pon­is­ten von ein­er erstaunlich rou­tinierten, aber genau­so ein­fall­sre­ichen Seite. Wolf­gang Amadés Vater, als Schöpfer von Instru­men­tal­w­erken bekan­nt und als Autor ein­er ein­flussre­ichen Vio­lin­schule hochgeschätzt, ist als Kirchen­musik­er reich­lich unter­repräsen­tiert. Diese aus­geze­ich­nete Neuauf­nahme sollte dazu beitra­gen, Chöre zu ermuti­gen, sich dieser Musik wieder anzunehmen. Lei­der gibt das Book­let zur CD keine Hin­weise auf Entste­hung und Beson­der­heit­en der Kom­po­si­tion, was ein echt­es Manko dieser Pro­duk­tion darstellt.
Matthias Roth