Christoph Rheineck

Missa solemnis

in c-Moll für SOli, Chor und Orchester, Erstdruck, hg. von Bernd-H. Becher, Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Doblinger
erschienen in: das Orchester 04/2019 , Seite 65

Ein Gast­wirt aus Mem­min­gen als Kom­pon­ist eines gewichti­gen geistlichen Musik­stücks, ein­er Mis­sa solem­nis. Kann es das geben? Ja, das gibt es – und die betr­e­f­fende feier­liche Messe liegt nun endlich auch gedruckt vor.
Ent­standen ist das Werk schon im 18. Jahrhun­dert. Sein Schöpfer Christoph Rhei­neck aus Mem­min­gen, das heute zum bay­erischen Regierungs­bezirk Schwaben gehört, hat­te früh Musikun­ter­richt. Später wirk­te er in Frankre­ich, wo er unter anderem Singspiele kom­ponierte. Nach dem Tod des Vaters kehrte er aber in seine Heimat zurück und erwarb das Gasthaus „Zum weißen Ochsen“. Er war trotz seines hand­festen Berufs als Musik­er bekan­nt und geschätzt – so von Van­hal und Clemen­ti, die ihn besucht­en, und von Emanuel Schick­aned­er, dem Libret­tis­ten von Mozarts Zauber­flöte, mit dem er gut bekan­nt war. Chris­t­ian Friedrich Daniel Schubart kan­nte ihn auch gut und zählte Rhei­neck zu den „größten musikalis­chen Dilet­tan­ten Deutsch­lands“.
Bernd-H. Bech­er, der Her­aus­ge­ber des vor­liegen­den Ban­des, skizziert im Vor­wort kurz die Biografie Rhei­necks, sagt zur Messe aber nur, dass sie „ver­mut­lich für das Mem­minger Kreuzher­ren­kloster“ kom­poniert wor­den sei. Die Wieder­ent­deck­ung ver­dankt sich Mar­tin Grem­minger und sein­er Fam­i­lie sowie dem katholis­chen Kirchen­chor Rhei­neck, die die Quellen zur Ver­fü­gung gestellt haben. In sein­er Heimat war Christoph Rhei­neck also nicht voll­ständig vergessen.
Die gut les­bare und prax­is­taugliche Edi­tion fördert ein sehr inter­es­santes und verblüf­fend orig­inelles Werk zu Tage, das den Mess­text gewichtig in Töne set­zt. Die Spiel­d­auer liegt immer­hin bei rund ein­er Stunde. Der Chor ist vor­wiegend homo­fon geset­zt, poly­fone Par­tien sind eher rar (und auch im „Osan­na“ nur kurz), dafür sind die aus­gedehn­ten Solopar­tien sehr vir­tu­os und koloraturen­re­ich. Sie erscheinen oft wie Arien mit cho­rischen Ein­schüben, so beim Tenor im „Et incar­na­tus est“. Eine regel­rechte Arie für Bass, die so auch in ein­er Oper der Zeit ste­hen kön­nte, ist das „Bene­dic­tus“. Apart ist zudem das Fagott-Solo im „Cru­ci­fixus“.
Auf­fäl­lig sind auch die zarten Anklänge an Mozart. Im „Glo­ria“ pfeifen die Spatzen in schnellen Vorschlä­gen ganz ähn­lich wie in Mozarts berühmter „Spatzen­messe“ – und im „Qui tol­lis“ erin­nert der Anfang ein biss­chen an Mozarts c-Moll-Klavierkonz­ert KV 491. Rhei­neck begin­nt in c-Moll, schreibt die Dur-Teile dann mal in C-Dur, mal in Es-Dur.
Es gibt in diesem mit Oboen, Fagot­ten, Hörn­ern, Trompe­ten, Pauken und Stre­ich­ern (mit Bratschen) reich instru­men­tierten Werk viel zu ent­deck­en und zu bestaunen, bis hin zu dem sehr aus­gedehn­ten „Dona nobis pacem“ mit seinen auf­fäl­li­gen Moll-Abschnit­ten. Es ist deshalb sehr erfreulich, dass diese Kom­po­si­tion nun in einem ansehn­lichen Druck greif­bar ist und hof­fentlich immer mal wieder musiziert wer­den wird.
Karl Georg Berg